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Hey, NA?! Mit Nadine Wilmschen

Hey NA?! Logo

Aus den deutschen Buchhandlungen sind sie aktuell nicht mehr wegzudenken. Sie sind bunt, oft pastellig, versprechen Drama, Liebe und vor allem Protagonist:innen im jungen Erwachsenenalter – New Adult Liebesromane. In den letzten Jahren haben sie Regale, Tische und Leser:innen für sich eingenommen und dabei nicht nur amerikanischen oder englischen, sondern auch immer mehr jungen, deutschen Autor:innen die Türen geöffnet. Trotzdem halten sich gegenüber dem Genre, das eigentlich gar keins ist, hartnäckige Vorurteile: Es gehe nur um Sex, ein Buch gleiche dem anderen und von einem richtigen Plot kann in zumeist Liebesromanen doch sowieso nicht die Rede sein.

In der Beitragsreihe „Hey, NA?“ will ich den Stärken, Schwächen, den Vorurteilen und dem Potenzial von NA Liebesromanen mit der Hilfe von Autor:innen auf den Grund gehen.

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Für das dritte Interview der Reihe habe ich mich mit der New Adult Autorin Nadine Wilmschen unterhalten. Nadine hat 2020 ihr Debüt „Catch My Girl“ im Romance Edition Verlag veröffentlicht und in wenigen Tagen folgt mit „Hold My Girl“ die Fortsetzung der Sport Romance mit College Setting. Dass solche NA Romane 2021 (inter)national immer noch wunderbar funktionieren und wieso die Vorherrschaft der dramatischen Schicksalsschläge ihrer Meinung nach enden muss – das erzählt mir die im Ruhrgebiet lebende Autorin im heutigen Interview.

Gleich zu Anfang: Wie würdest du NA in einem Satz für dich persönlich definieren?

New Adult schließt die Lücke zwischen der klassischen Jugendliteratur (Young Adult) und den genretypischen Romanen für Erwachsene.

Welches Thema liegt dir besonders am Herzen, ist aber deiner Meinung nach vollkommen unterrepräsentiert?

Geschichten in diesem Genre sind oft sehr dramatisch. Es passieren schlimme Dinge, die natürlich auch Spannung erzeugen und Emotionen bei Leser:innen hervorrufen sollen. Ich würde mir wünschen, dass Bücher zwar fesselnd sind, diese Spannung jedoch nicht immer von außen auf die Figuren wirkt. Es muss nicht immer die Krankheit, der Unfall, das lebenserschütternde Ereignis sein – zumal es oft auch unwahrscheinlich ist, dass diese Dinge den Protagonist:innen in solch einer Häufigkeit passieren. Ich würde mir wünschen, dass gute New-Adult-Geschichten ohne diese aufgesetzte Dramatik auskommen und die Figuren den Leser an die Geschichte binden. Dass man mit den Protagonist:innen leidet, weil man sie ins Herz schließt und sie echt wirken, nicht weil der dritte Schicksalsschlag auf fünfzig Seiten passiert ist. Authentizität der Figuren wäre da wohl eine passende Zusammenfassung.

Wo, glaubst du, kommt diese Entwicklung her?

Angefangen hat es mit Sport Romance – wie ich sie ja auch schreibe – und irgendwann war das einfach nicht mehr genug. Die Charaktere müssen ganz furchtbare Dinge durchmachen, damit Dramatik in die Geschichte kommt, die sonst so gefehlt hätte. Ich lese selbst auch gerne mal dramatische Geschichten, bevorzuge aber welche, in denen ich mich anderweitig mit den Charakteren identifizieren kann. In meinen eigenen Büchern traue ich mir auch nicht zu, diese Sachen aufzunehmen, weil ich sie selbst so nie erlebt habe.

Da reflektierst du über Repräsentation. Eine Debatte, die so alt ist wie die Zeit selbst – aber auch genauso wichtig! Du sagst, dass du Dinge, die du selbst nicht erlebt hast, auch nur bedingt gut beschreiben kannst?

Ich würde sagen, es ein schmaler Grat. Ich habe nie in Amerika studiert und auch keinen Footballer gedated – verdammt! – aber man lebt durch seine Figuren ja in dem Moment auch ein Leben, das man nicht hat. Was das Emotionale angeht, bin ich da einfach vorsichtiger als was beispielsweise das Setting angeht. Ein College in den USA kann ich googeln – aber bei den Gefühlen der Charaktere hilft mir Google nicht. Da kann ich nur aus meinem eigenen Fundus schöpfen.

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In meinem letzten Interview mit Rebekka habe ich im Zuge dessen ja auch darüber gesprochen, dass das Schreiben eine Art Therapie sein kann, beispielsweise wenn Charaktere ein ähnliches Problem haben und dieses durcharbeiten müssen. Stellst du das bei dir auch fest?

Eine vermutlich untypische Aussage für eine Autorin, aber: nein. Der Vorgang oder der Akt des Schreibens an sich ist definitiv therapeutisch, aber ich verarbeite durch die Geschichten selbst nichts. Zumindest ist das bei den aktuellen Projekten so. Das kann sich in Zukunft natürlich noch ändern, wenn ich mich vielleicht auch an härteren Stoff heranwage.

Schätzfrage: Wie viele Stories hast du begonnen, bis du die erste beendet hast?

Oh, das ist schwer zu sagen. So viele waren das für Autor:innenverhältnisse gar nicht. Zwanzig vielleicht.

Was hat deiner Meinung nach beim ersten Buch, dass du fertig gestellt hast, den Unterschied gemacht?

Die erste fertige Geschichte, die länger als nur eine Kurzgeschichte war, ist eine Fan-Fiction gewesen. Dadurch, dass die Geschichte parallel zum Schreibprozess online gestellt wurde, hat mich das Feedback damals gepusht.

Funktioniert dieser „Feedback-Loop“ heute noch genauso? Oder gibt es – außer dem Feedback von außen – noch etwas anderes, was dich antreibt?

Das hat sich mit der Zeit schon ein bisschen geändert. Deadlines pushen einen beispielsweise auch ganz schön. Aber ich habe auch eine Schreibgruppe – unter anderem mit Nina Bilinszki und Rebekka Weiler. Wir schreiben teilweise auch parallel, veranstalten Word Wars* und pushen uns gegenseitig. Das hilft auf jeden Fall. Gerade an Tagen, an denen einfach nichts geht und das Schreiben auch mal nicht so viel Spaß macht – das kennt bestimmt jeder, der schreibt. Was das Testlesefeedback angeht – um es mal mit den Fan-Fiction-Leser:innen zu vergleichen – da gibt es nur eine Person, die mitliest. Quasi meine Alpha-Leserin, die mir teilweise zu 500 Wörtern Feedback gibt, egal ob es positiv oder negativ ist.

*Bei einem Word War stellt man sich einen Timer auf eine bestimmte Zeit und schreibt dann für diese Zeitspanne konzentriert. Am Ende vergleichen wir, wer am fleißigsten war.)

Mit welchem Vorurteil über NA würdest du als erstes aufräumen oder tust es in deinen Büchern vielleicht sogar schon?

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Ein Vorurteil aktuell ist wohl, dass klassisches College-New-Adult mausetot ist. Das Genre hat mal mit genau diesen Geschichten angefangen und angeblich will die heute niemand mehr lesen. Glaube ich aber nicht. Ich persönlich liebe sie nach wie vor und ich denke, dass es vielen Leser:innen genauso geht. Die College-Romanze ist noch nicht klinisch tot und ich bin sehr froh, dass mein Verlag das ähnlich sieht.

Trotzdem ähneln sich diese College-Romanzen ja bis zu einem gewissen Punkt. Wie bringst du selbst trotzdem noch Abwechslung in die Stories und wie gern bedienst du dich auch an bekannten Klischees?

Ich bediene mich sehr gerne an Klischees, versuche da aber immer einen neuen Blickwinkel mit reinzubringen. Nehmen wir als Beispiel meinen Debütroman „Catch My Girl“: Natürlich haben wir hier die typische Geschichte – er ist der erfolgreiche Footballer, sie ist mehr oder weniger das Mädchen von nebenan. Es gibt in dem Buch eine Szene, in der Grace zu einer Freundin sagt, dass sie sie gern in ein Kleid stecken und schminken kann, sie aber dann trotzdem nicht aussieht wie die Ballkönigin. Das ist ein Klischee, dass ja sehr oft in solchen Geschichten vorkommt: Sie ziehen ihre Brille aus und plötzlich sehen alle, dass sie wunderschön ist. Solche Sachen nehme ich hier und da durch eine spitze Bemerkung gerne mal aufs Korn – weil es einfach Quatsch ist. Ich möchte auch nicht, dass meine Figuren so agieren, dass mein Protagonist die Protagonistin nur mag, weil sie plötzlich gut aussieht. Andere Klischees benutze ich aber tatsächlich einfach gerne. Das des erfolgreichen Sportlers, der am Ende eben doch ein goldenes Herz hat und gar nicht so arrogant ist, zum Beispiel.

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Wie gut ist da auch die Symbiose mit deiner Lektorin und wie lange habt ihr euch miteinander einarbeiten müssen?

Wir haben jetzt zwei Bücher zusammen lektoriert und es war definitiv ein Lernprozess auf meiner Seite. Das erste Manuskript habe ich aus dem Lektorat bekommen, aufgemacht, hab mal kurz geguckt, hab es wieder zugemacht und bin dann in Richtung Weinkeller gegangen. Mir war persönlich überhaupt nicht klar, was da eigentlich kommt. Ich hab dem Verlag eine Geschichte angeboten, von der ich dachte: „Ich finde sie gut so!“ Und dann habe ich das Manuskript zurückbekommen und mein erster Gedanke war „Du kannst gar nichts. Wieso haben sie deine Geschichte überhaupt genommen?“ Aber dann schläft man eine Nacht drüber und schaut sich eben doch an, was da überhaupt angemerkt wird. Zu 99,9 % hat sie auch recht, die 0,1 % beziehen sich auf Situationen, in denen der Protagonist barfuß ist und meine Lektorin sagte, dass er Schuhe tragen müsste. Darüber gab es im Zuge des Lektorats von „Catch My Girl“ eine ganz zauberhafte Diskussion (lacht). Nachdem ich mich in Band 1 an sie und ihren Stil gewöhnt hatte, lief Band 2 anders: Ich war nicht mehr schockiert und wusste auch von vornherein, was ich weglassen konnte. Ich hoffe sehr, dass ich in Band 3 auch wieder mit ihr zusammenarbeiten kann, denn aktuell will ich niemand anderen!

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Das klingt so, als sei das die beste Art auf die es laufen kann.

Ja, ich habe wahnsinnig viel gelernt in dem ersten Lektorat. Ich glaube, ich habe in meiner ganzen Schreibkarriere nicht so viel in so kurzer Zeit gelernt, wie in dem Lektorat. Du lernst auch erst da, worauf Verlage eigentlich achten, wo sie den Fokus legen und welche Szenen ihnen wichtig sind. So konnte ich meinen Verlag natürlich auch kennenlernen und weiß jetzt ganz gut, was passt und was nicht. Meine Lektorin Steffi und ich haben uns dadurch auch einfach aneinander gewöhnt.

NA hat in den letzten Jahren einen riesigen Aufschwung erlebt. Was, glaubst du, spricht die Leser:innen an NA besonders an?

Die Leser:innen bekommen Geschichten über Figuren, die in ihrem Alter sind und sich oft mit den gleichen Dingen wie sie selbst herumschlagen müssen. In meiner Teenagerzeit gab es den klassischen New-Adult-Roman nicht. Jedenfalls nicht in Deutschland. Ich habe damals viel Fantasy gelesen und musste mich bei Liebesromanen an welche halten, in denen die Protagonist:innen mindestens zehn Jahre älter als ich selbst waren. Mit meiner eigenen Lebenswirklichkeit hatten diese Bücher nur wenig zu tun. Genau das ist heute anders. Heute findet man auch mit 18 ganz leicht unzählige Bücher mit Protagonist:innen, mit denen man sich identifizieren kann.

Was ist deiner Meinung nach the most underrated und the most overrated book, auch abseits von NA? Warum?

Die Frage finde ich schwierig. Es gibt so viele Bücher, die overrated sind, weil sie gerade den Nerv der Zeit treffen. Nehmen wir doch eins, das ich selbst geliebt habe. So trete ich im besten Fall niemandem auf die Füße. Twilight. Es gab diesen riesigen Hype und heute weiß kaum noch jemand, warum. Die Geschichte ist bestenfalls einfallslos, im schlimmsten Fall problematisch. Aber damals habe ich die Bücher sehr gemocht, auch wenn ich heute durchaus ihre vielen, vielen Schwächen sehe und sie nicht noch einmal lesen würde.

Ich lese selbst viel im amerikanischen New-Adult-Bereich. Absolut underrated ist Linda Kage, die hierzulande niemand kennt. Warum sich noch kein Verlag die Übersetzungsrechte geschnappt hat, kann ich nicht verstehen. Andere Autor:innen, die in eine ähnliche Richtung gehen, werden ja in Deutschland schon übersetzt, beispielsweise Elle Kennedy bei Piper.

Linda Kage ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass NA in Amerika oft auch sehr locker und witzig sein kann, natürlich aber nicht ganz ohne dramatischen Twist. Denkst du, dass das der deutschen NA Szene in der breiten Masse fehlt?

Ich glaube, dass es leider auch von manchen Verlagen einfach so verlangt wird, gerade von den größeren. Ich bin da sehr froh, dass mich mein Verlag sehr klassische, aber lockere Geschichten hat schreiben lassen. Ohne ein bisschen Witz macht es mir persönlich einfach nicht ganz so viel Spaß. Allerdings kann Linda Kage das trotz allem auch ganz gut – in ihrer Reihe gibt es oft genug am Ende immer noch diese eine dramatische Entwicklung.

Was ist in deinen Augen das größte Problem von NA?

Ich weiß gar nicht, ob es ein größtes Problem gibt. Vielleicht ist es die Vermarktung. Wenn die Bücher in jeder zweiten Buchhandlung im Erotikbereich stehen, weiß man, dass sich niemand ernsthaft mit dem Inhalt auseinandergesetzt hat. New Adult ist so viel mehr als dumpfe Erotik für Jugendliche. Und diese stiefmütterliche Behandlung haben die Romane nicht verdient. Immerhin verkaufen sie sich verdammt gut und hätte ein bisschen mehr Liebe durch die Buchhandlungen verdient.

Kannst du schon etwas über deine nächsten Projekte und deine Ziele für 2021 verraten?

Mitte Februar erscheint mein zweiter Roman. Er ist Teil einer New-Adult-Reihe. Band 3 wird im Herbst 2021 erscheinen und Band 4 Anfang 2022. Ich bin dieses Jahr gut mit diesen beiden Projekten beschäftigt.

Hold my Girl“ erscheint ja schon in wenigen Tagen. Wie hast du da geplant? Stand für dich von Anfang an fest, dass du vier Bände schreiben würdest? Wie waren die Signale des Verlags?

Ich habe anfangs mit den ersten zwei geplant. Idealerweise sollte man nach dem ersten Band auch denken „Oh, interessant, die Geschichte von den beiden Charakteren würde ich jetzt aber auch gerne lesen, was ist da wohl passiert?“ Aber das kam natürlich auch darauf an, ob überhaupt jemand die Geschichte haben will. Das wäre auch anders gelaufen, wenn Band 1 gefloppt wäre, natürlich. Kein Verlag hat schließlich Geld zu verschenken. Nachdem Band 1 aber gut lief, haben wir – der Verlag und ich – uns dazu entschieden, auch Band 3 und 4 zu machen. Die Geschichten gab es in meinem Kopf auch schon, aber nie den konkreten Plan sie auch zu schreiben.

Du hast also 2021 vor, Band 3 und Band 4 zu schreiben. Das ist für deutsche NA Verhältnisse ja schon fast ein entspanntes Tempo. Glaubst du, dass das generell eher schnelle Tempo im NA Betrieb den Büchern insgesamt eher schadet als nützt?

Ich glaube, dass ist ein zweischneidiges Schwert. Natürlich möchte man als Verlag nicht, dass zwischen den einzelnen Bänden ein ganzes Jahr liegt. Dafür ist der Markt einfach viel zu hart umkämpft. Auf der anderen Seite gibt es aber die Autor:innen, die von ihrem Schreiben auch leben möchten. Die müssen dann natürlich gewisse Schlagzahlen haben, um ihre Miete zahlen zu können. Ich bin allerdings trotzdem kein Fan von diesen Schlagzahlen. Da kann ich auch nur von mir ausgehen: Meine Geschichten und ich, wir brauchen einfach Zeit, bis ich sie aufschreiben kann. Massenproduktion ist nie eine gute Idee, egal ob das Bücher oder etwas anderes betrifft. Da leidet dann auch die Qualität drunter. Und wenn ich mir vorstelle, dass ich in einem Jahr drei bis vier Bücher schreiben und nebenher vielleicht noch andere lektorieren müsste – ich wüsste einfach, dass meine Bücher nicht mehr gut wären. Deshalb bin ich auch sehr dankbar, dass mein Verlag mir da Zeit lässt und es wäre auch kein Problem, wenn ich signalisiere „Hey Leute, ich schaffe das nicht“. Ich habe ja auch noch einen Vollzeitjob. Dann würde der Verlag mich aber vermutlich einfach ins spätere Programm schieben. Wir haben aber auch gerade einen Hype und die großen Verlage planen voraus. Da wird uns in den nächsten 1 – 2 Jahren definitiv noch einiges begegnen: Neue Autor:innen, neue Reihen, vielleicht sogar neue Cover. NA verkauft sich auch einfach gut, viele Bücher aus der Ecke landen auf den Spiegel-BestsellerListen und jeder Verlag hätte gern den oder die nächste Bestseller-Autor:in. Es ist einfach ein lukratives Geschäft.

Nadine Wilmschen Bücher

Gerade jetzt sind große Absatzzahlen unfassbar wichtig, es geht dem Print ja schon seit ein paar Jahren sehr schlecht und da ist jeder auf der Suche nach dem nächsten großen Hit.

Das ist auch verständlich. Vor 15 Jahren gab es Millionen von Vampirbüchern, dann kamen – dank den Hunger Games – Dystopien und auf 50 Shades of Grey folgten jede Menge BDSM Bücher. Und jetzt ist es eben New Adult. Mal sehen, was als nächstes kommt.

Was glaubst du, ganz persönlich: Wo verschlägt es uns als nächstes hin? Was wird das nächste Hype „Genre“?

Das ist schwierig, da fragst du jemanden, der Geschichten schreibt, die eigentlich out sind (lacht). Ich glaube, dass sich der New Adult Markt bereinigen wird, um jetzt mal in diesem Dunstkreis zu bleiben. Die Bücher werden weiterhin gelesen werden, aber nicht mehr in dieser Masse. Die Leser:innen und der Markt werden irgendwann gesättigt sein und es wird nicht mehr so viel übrig bleiben. Dieses und nächstes Jahr wird auf jeden Fall das Thema Diversität und Own Voice sehr wichtig werden. Ob das allerdings das nächste große Ding wird – das weiß ich nicht.

Und zum Schluss ein kleines, kreatives Experiment: Vervollständige den folgenden Satz und mach daraus in einem oder zwei Absätzen den Auftakt eines NA Buches:

Als ich den Scherbenhaufen vor mir liegen sah, empfand ich alles, außer… Bedauern. Das dumme Ding war schon immer hässlich gewesen und jetzt lag es eben in all seinen Einzelteilen zu meinen Füßen. Natürlich würde mir niemand glauben, dass es lediglich ein Unfall gewesen war. Doch was spielte das überhaupt für eine Rolle? Bald wäre ich tausende von Meilen weit weg von diesem Ort, den Erinnerungen und all den Scherben meiner traurigen Existenz. Meiner traurigen und pathetischen Existenz.

»Was machst du da?«

Ruckartig wirbelte ich herum. »Nichts.« Eine Lüge, wie das Chaos zu meinen Füßen eindrücklich bewies.

»Sieht anders aus.« Sein Blick glitt zu den Überresten seines größten Triumphes auf dem Boden.

Entgegen meiner Annahme schien er nicht einmal sauer zu sein. Vielmehr war sein Blick neutral. So neutral, dass es mich furchtbar wütend machte, dass er nicht wütend war. »Willst du nichts dazu sagen?« Ich klang wie ein trotziges, kleines Kind. Und vielleicht war ich auch genau das.

Hey, NA?! Mit Rebekka Weiler

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Aus den deutschen Buchhandlungen sind sie aktuell nicht mehr wegzudenken. Sie sind bunt, oft pastellig, versprechen Drama, Liebe und vor allem Protagonist:innen im jungen Erwachsenenalter – New Adult Liebesromane. In den letzten Jahren haben sie Regale, Tische und Leser:innen für sich eingenommen und dabei nicht nur amerikanischen oder englischen, sondern auch immer mehr jungen, deutschen Autor:innen die Türen geöffnet. Trotzdem halten sich gegenüber dem Genre, das eigentlich gar keins ist, hartnäckige Vorurteile: Es gehe nur um Sex, ein Buch gleiche dem anderen und von einem richtigen Plot kann in zumeist Liebesromanen doch sowieso nicht die Rede sein.

In der Beitragsreihe „Hey, NA?“ will ich den Stärken, Schwächen, den Vorurteilen und dem Potenzial von NA Liebesromanen mit der Hilfe von Autor:innen auf den Grund gehen.

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Im zweiten Interview der Reihe spreche ich mit der Autorin Rebekka Weiler. Rebekka hat unter dem Pseudonym Rebekka Wedekind im November 2019 im feelings Verlag ihr Debüt „Keeping Faith“ veröffentlicht, der Auftakt einer New Adult Reihe. Nach Abschluss der Trilogie im letzten Jahr erscheint mit „Catch My Fall“ am 21. Januar 2021 im Carlsen Verlag ihr viertes Buch – eine New Adult Romanze auf der kompetitiven Bühne des College-Eishockeys. In unserem Interview erzählt mir die in der Nähe von Ulm lebende Autorin etwas über Zeit, (mentale) Gesundheit und was ihr persönlich in der Darstellung von Krankheiten in Büchern fehlt.

Gleich zu Anfang: Wie würdest du NA in einem Satz für dich persönlich definieren?

Unter NA verstehe ich alle Liebesgeschichten mit Protagonist:innen zwischen 18 und 30, die auf der Suche nach sich selbst sind. Ich weiß, dass oft die Grenze schon bei 25 gezogen wird, aber das ist mir persönlich zu eng gefasst. Denn nur, weil jemand 25 ist, ist die Suche nach sich selbst ja nicht schlagartig vorbei.

Welches Thema liegt dir besonders am Herzen, ist aber deiner Meinung nach vollkommen unterrepräsentiert?

Der realistische Umgang mit Krankheiten. In sehr vielen Büchern werden die unterschiedlichsten Krankheiten aufgegriffen, aber oftmals eben nicht wirklichkeitsnah. Ich muss aber zugeben, dass ich diesbezüglich eine verdammt kritische Leserin bin. Und weil ich diesen Anspruch habe, versuche ich daher auch, es in meinen eigenen Geschichten „richtig“ zu machen.

Kannst du dazu ins Detail gehen? Was stört dich an der Darstellung, was würdest du dir dahingehend wünschen?

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Krankheiten sind oft sehr oberflächlich recherchiert oder dargestellt – es funktioniert nicht, dass Leute zwei Jahre im Koma liegen, aufwachen und einfach losreden. Das regt mich persönlich sehr auf, weil solche Informationen ganz einfach bei Google zu finden sind. Den Einsatz sollte ich, meiner Meinung nach, als Autorin bringen. Nicht nur die Faktenlage stört mich da, sondern auch wie mit den Emotionen im Bezug auf Krankheiten umgegangen wird. Mir fehlt die Sensibiliät und das Fingerspitzengefühl. Es ist gut, dass schwere Themen wie eine Vergewaltigung thematisiert werden und auch vorkommen, aber dann sollte auch sensibel damit umgegangen werden.

Für was sollen deine eigenen Bücher die Leute – im Idealfall – da sensibilisieren?

Depressionen, Trauer, Mental Health. Ich kenne einfach viele, bei denen man niemals denken würde, dass sie betroffen sind. Durch meine Geschichten sollen die Menschen verstehen, dass es für manche Dinge, wie z.B. Trauer,  kein Ablaufdatum gibt oder dass es bei Depressionen schlechte und gute Phasen gibt. Dasselbe gilt auch für Panikattacken – die können sich ganz individuell und verschieden anfühlen. Es muss einfach sehr viel mehr über Mental Health gesprochen werden, damit auch junge Menschen sich trauen, sich Hilfe zu holen. Es ist nicht gesund, dass man sich wochenlang isoliert oder schlecht fühlt. 

Wie sehr nimmt dich der Schreibprozess von solchen Büchern mit?

Unterschiedlich. Bei „Saving Grace“ habe ich eine Sache eingebaut, bei der meine Gefühlslage der der Protagonistin Grace entsprach. Das hat dann funktioniert, zumindest mit ein bisschen Abstand. Es war aber wahnsinnig schwierig, weil es sehr lange gedauert hat, die Kapitel zu schreiben. Ich habe über jeden Satz sehr genau nachgedacht und habe dafür wirklich tagelang gebraucht, bis ich zufrieden war. Dabei habe ich es tatsächlich geschafft, mir einen Kloß in den Hals zu schreiben. Ich bin niemand, der bei den eigenen Büchern heult, aber wenn ich selbst einen Kloß im Hals habe, dann weiß ich, dass es passt. Bei dem neuesten Buch, über das ich erst im Laufe des Jahres sprechen kann, war das ganz anders: Einfach runtergeschrieben, hinterher daran feilen. Ich habe damit auch meine eigenen Gefühle verarbeitet und das hatte tatsächlich eine gewisse therapeutische Wirkung.

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Schätzfrage: Wie viele Storys hast du begonnen, bis du die erste beendet hast?

Das ist leicht. Direkt meine erste Geschichte, die ich als 12-Jährige angefangen habe. Ich hab sie sogar noch. Sie war nicht gut, aber sie ist beendet. Kurz danach bin ich in der Welt der Fanfictions gelandet. Dort haben die Leser:innen mir nach jedem Abschnitt/Kapitel direkt Feedback dagelassen und das hat natürlich gepusht, die Geschichten auch zu beenden. Ich wollte die Leute einfach nicht hängen lassen. Insgesamt gibt es nur wenige Geschichten, die ich nicht beendet habe.

Du hast 2020 sehr viel geschrieben und auch veröffentlicht – wie bleibst du kreativ, trotz Deadline?

Mit den Veröffentlichungen war es im letzten Jahr durch die Deadlines ein ganz anderes Schreiben. Da musste es einfach laufen. Daher bleibe ich kreativ, indem ich mir für solche Situationen bewusst frei nehme. Ich wusste aber, was ich schreiben will und muss, der Film im Kopf war ja da. Nach drei Storys, die ich über das Jahr verteilt geschrieben habe, habe ich allerdings gemerkt, dass ich eine Pause brauchte. Drei ganze Bücher sind in so einer relativ kurzen Zeit schon viel, da ich ja auch nicht hauptberuflich Autorin bin. In den letzten Tagen des alten Jahres habe ich aber auch gemerkt, dass es langsam wieder losgehen kann.

Du sagst, dass drei Bücher im Jahr schon sehr viel sind. Die Bände von New Adult Trilogien erscheinen aber derzeit oft in sehr kurzen Abständen zueinander. Denkst du, dass es zu schnell geht?

Ich denke, es würde den Storys schon guttun, wenn sie ein bisschen mehr Zeit hätten. Alle 6 Monate wäre da meiner Meinung nach ein guter Turnus. Natürlich geht es bei einer schnellen Veröffentlichung als Autor oder Autorin darum, dass man Geld verdient. Gerade weil ja nicht regelmäßig am Ende des Monats das Geld reinkommt. Daher muss man frühzeitig planen und ich denke, dass das der Hauptgrund für das schnelle Arbeiten ist. Für die Verlage ist es eben auch ein wirtschaftlicher Faktor, besonders wenn ein bekannter Name (aus der Buchbubble) dahintersteht. Außerdem ist es für Leser:innen auch wichtig, dass die Folgebände schnell kommen, damit man sich daran erinnern kann, was im Band davor passiert ist. Wenn Leser:innen – bei dieser Masse an Büchern, die es aktuell nun mal einfach gibt – nicht sofort den nächsten Band bekommen, dann orientieren sie sich um.

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Ähneln sich NA Bücher denn so stark, dass sie quasi austauschbar sind?

In Amerika ist NA schon seit 10 Jahren auf dem Vormarsch. 2016 hat das dann mit Mona Kasten in Deutschland erst so richtig angefangen. Der deutsche Markt hat das in den letzten Jahren dann alles sehr stark aufgesogen und die Leute sind mit den klassischen College Storys mittlerweile einfach übersättigt. Es sollte langsam aber ein bisschen mehr im Genre experimentiert werden – sei es zum Beispiel beim Thema Diversity, da sind wir noch sehr zurück, auch wenn Verlage wie LYX, Knaur und Heyne ja schon gut dabei sind. Der Versuch, auch inhaltlich etwas zu verändern, kam im letzten Jahr vor allem durch Ideen wie Sports Romance. Oder dass man das Setting College verändert und auch beim Alter variiert. Auch die Wahl der Studienfächer sollte variiert werden, die Literaturstudentin mit dem Nebenjob im Café möchte glaube ich keiner mehr sehen.

Du bist selbst Teil dieser Masse – wie ist deine Selbstwahrnehmung? Versuchst du dich aktiv davon abzuheben? 

Die Masse bedeutet ja nicht gleichzeitig, dass alles gleich ist. Es heißt nur, dass es viele verschiedene Bücher gibt und, im Idealfall, für jeden etwas. Natürlich schwimme ich da mit. Aber trotzdem versuche ich in meine Bücher etwas einzubauen, was es vielleicht noch nicht so oft gab. Ich versuche auch Themen aufzugreifen, die mir wichtig sind und etwas, das vielleicht einen Beitrag leisten kann, um den Horizont von jemandem zu erweitern, quasi Aufklärungsarbeit, aber ohne den erhobenen Zeigefinger. Auch wenn es ein hochgestecktes Ziel ist, dass Leser:innen etwas daraus mitnehmen können. Ich versuche zudem mein Alleinstellungsmerkmal über einen angenehmen Schreibstil zu generieren, oder auch darüber, Hinweise zu legen, die jemand, der sich im Thema auskennt, wahrscheinlich sieht. Beim ersten Lesen überrascht werden, beim zweiten Lesen die Spuren sehen und vielleicht etwas daraus ziehen können – das wäre ideal.

Mit welchem Vorurteil über NA würdest du als erstes aufräumen oder tust es in deinen Büchern vielleicht sogar schon?

Dass NA-Bücher voller Klischee und ohne Tiefe sind. Sind sie nicht. Im Gegenteil. Sie bilden ziemlich oft einfach die Lebenswelt von jungen Menschen ab. Und da deren Welt nicht immer rosarot ist, muss es die in den Büchern auch nicht sein. Abgesehen davon sind Menschen nicht perfekt, also erwarte ich das auch nicht von den Figuren.

Rebekka Weiler Bücher

NA hat in den letzten Jahren einen riesigen Aufschwung erlebt. Was, glaubst du, spricht die Leser:innen an NA besonders an?

Zum einen glaube ich, dass die Leser:innen darin ihre Lebenswelt abgebildet sehen. Themen, die die Leser:innen auch selbst beschäftigen. Bücher können trösten und miteinander verbinden. Man fühlt sich weniger allein und kann sich mit den Protagonist:innen identifizieren. Und gleichzeitig stellen Romane über die eigene Lebenswelt auch eine Art Flucht dar. Raus aus dem Alltag, ab ins Wohlfühlbuch. Nicht umsonst bezeichnen so viele Leser:innen ihre Lieblingsromane als Herzensbuch oder absolute Wohlfühlgeschichte.

Im ersten Entwurf bestehen Bücher auch immer aus Füllwörtern. Welche sind die, die du bei dir am meisten aussieben musst? Welche Phrase, die in Büchern öfter mal vorkommt, kannst du selbst nicht mehr hören/lesen?

Bei mir variiert das von Buch zu Buch. Ich benutze gerne das Verb »grinsen«, aber auch Satzverbindungswörter wie »ehe«, »als«, »doch«, »aber« usw. Inzwischen gehe ich am Ende jedes Manuskript genau auf diese Wörter noch einmal durch und lösche oder schreibe diese Sätze um. Oft fallen mir meine neuen Lieblingswörter gar nicht selbst auf, aber eine gute Lektorin findet die und malt sie mir dann netterweise an.

Was ist deiner Meinung nach the most underrated und the most overrated book, auch abseits von NA? Warum?

Im deutschsprachigen Raum würde ich “Was, wenn wir fliegen” von Kim Nina Ocker als most underrated NA-Buch wählen. Es kennt kaum jemand, weil es “nur” als E-Book und Print on demand erschien, aber ich habe die Geschichte von Sophie und Bo und ihrem Zirkus so so so so gerne gelesen. Kim schreibt unglaublich toll. Flüssig und lebhaft und auf eine Art und Weise, die mich nur so durch die Seiten fliegen lässt.

Kannst du schon etwas über deine nächsten Projekte und deine Ziele für 2021 verraten?

Ich beginne 2021 mit dem Release meines 4. Buches. »Catch My Fall« ist eine Eishockeygeschichte, die am 21. Januar als E-Book beim Impress Verlag der Carlsen-Gruppe erscheint. Im Februar folgt direkt das Taschenbuch.
Danach wird es nach außen hin erstmal still um mich, weil ich über alles, was danach kommt, momentan noch Stillschweigen bewahren muss. Aber so viel sei verraten: Es wird weitergehen mit mir und den Büchern. Und es wird groß und toll und ein Lebenstraum wird sich damit für mich erfüllen.

Wie sieht deine Schreib-Routine aus?

Eine wirkliche Routine hab ich nicht, weil ich nicht hauptberuflich Autorin bin. In Zeiten mit Deadline schreibe ich natürlich mehr, vor allem am Wochenende. In Zeiten ohne Deadline schreibe ich immer nur dann, wenn ich Lust drauf habe. Grundsätzlich bin ich eine Urlaubsschreiberin, da mein Hauptjob natürlich nicht vernachlässigt werden darf.
Wenn ich dann mal schreibe, hängt es von meiner Stimmung bzw. der Szene, die ich schreibe, ab, was ich dazu brauche. Manchmal höre ich Musik, manchmal brauche ich absolute Stille. Was aber nie fehlen darf, ist ein Glas Wasser, sonst vergesse ich das Trinken, wenn ich im Flow bin.

Und zum Schluss ein kleines, kreatives Experiment: Vervollständige den folgenden Satz und mach daraus in einem oder zwei Absätzen den Auftakt eines NA Buches:

Als ich den Scherbenhaufen vor mir liegen sah, empfand ich alles, außer…

…Angst. Ich hatte keine Ahnung, wann es passiert war, aber irgendwann in den letzten Minuten hatte ich sie verloren. Sie war in genauso viele Einzelteile zerbrochen wie das kaputte Glas auf dem Boden, und ich hatte begriffen, dass ich es nie schaffen würde, ihn zu ändern.

»Räum das weg«, fuhr Dad mich harsch an. So, wie er das immer tat, wenn er in einem Wutanfall das ganze Geschirr vom Tisch gefegt hatte. Normalerweise kuschte ich, kniete mich auf die kalten Fliesen und begann schweigend, Scherbe für Scherbe einzusammeln. Viel zu oft hatte ich mich dabei geschnitten oder mir die Strumpfhose kaputt gemacht und dabei stumme Tränen geweint.

Doch damit war jetzt Schluss. Ich hatte genug.

»Nein.«

»Nein?«, wiederholte Dad ungläubig, und ich sah die Ader an seiner Schläfe pochen. Mir war klar, was das bedeutete. Was es immer bedeutete. Ich hatte noch fünf Sekunden. Vielleicht auch nur drei.

Hey, NA?! mit Nina Bilinszki

Hey NA?! Logo

Aus den deutschen Buchhandlungen sind sie aktuell nicht mehr wegzudenken. Sie sind bunt, oft pastellig, versprechen Drama, Liebe und vor allem Protagonist:innen im jungen Erwachsenenalter – New Adult Liebesromane. In den letzten Jahren haben sie Regale, Tische und Leser:innen für sich eingenommen und dabei nicht nur amerikanischen oder englischen Autor:innen die Türen geöffnet, sondern auch immer mehr jungen, deutschen Autor:innen. Trotzdem halten sich gegenüber dem Genre, das eigentlich gar keins ist, hartnäckige Vorurteile: Es gehe nur um Sex, ein Buch gleiche dem anderen und von einem richtigen Plot kann in zumeist Liebesromanen doch sowieso nicht die Rede sein.

In der Beitragsreihe „Hey, NA?“ will ich den Stärken, Schwächen, den Vorurteilen und dem Potenzial von NA Liebesromanen mit der Hilfe von Autor:innen auf den Grund gehen.

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Foto der Autorin Nina Bilinszki

Den Anfang macht Nina Bilinszki. Die Mittelhessin veröffentlichte mit „A Fire Between Us“ im November ihr sechstes Buch, das zweite bei Droemer Knaur. In ihren Romanen spielen Liebe und Sex durchaus eine wichtige Rolle, aber auch Themen wie Body Positivity, Mental Health und das Aufbrechen von Stereotypen sind zentrale Bestandteile. Dass es bis zu solch wichtigen Themen in ihren Büchern kein leichter, aber nicht unbedingt schlechter Weg war und wo verpatzter erster Sex in NA nicht gern gesehen wird – davon erzählt sie mir im Interview.

Gleich zu Anfang: Die Definition von NA ist von Mensch zu Mensch leicht unterschiedlich. Was definierst du für dich ganz persönlich, und deine Bücher, als NA?

NA ist ja eigentlich kein Genre, es definiert sich eher über das Alter der Protagonist:innen. Für mich schließt NA die Lücke zwischen den klassischen Jugendromanen und den Erwachsenenromanen, in den die Protas schon über 30 sind und mit beiden Beinen voll im Leben stehen. Es macht für mich dabei auch keinen Unterschied, ob wir diese Protagonist:innen in einem Liebesroman, einem Fantasyroman oder einem Sci-Fi-Roman erleben.

Bei uns in Deutschland ist NA natürlich hauptsächlich bei den Liebesromanen bekannt und setzt sich da immer weiter durch, was ich durchaus spannend finde. Im englischsprachigen Bereich hat es sich in den großen Verlagen nicht durchgesetzt. Dort sind NA Autor:innen überwiegend Selfpublisher oder sie bringen das, was wir unter NA verstehen, im Jugendbuchbereich oder Erwachsenenbereich heraus. Sarah J. Maas ist so ein prominentes Beispiel. Ihre Romane fallen für mich eindeutig unter NA (wenn auch Fantasy). Oder Leigh Bardugo. An Six of Crows ist abgesehen vom Alter der Protagonisten nichts jugendlich, und Ninth House, das unter Erwachsenenliteratur gezählt wird, hat sogar das für NA typische College-Setting.

Welches Thema liegt dir besonders am Herzen, ist aber deiner Meinung nach vollkommen unterrepräsentiert?

Ganz ehrlich? Dass der erste Sex auch mal scheiße laufen darf. Ich weiß, dass die meisten Autor:innen alles dafür tun, um auch eine rosa-glitzernde NA-Romance so realistisch wie möglich zu machen, verstehe aber gleichzeitig, warum so viele Leser:innen (gerade in Bezug auf den Sex) es für völlig überzogen halten. Die Protagonist:innen sind noch recht jung, viele haben noch nicht viel Erfahrung sammeln können, trotzdem wissen alle immer sofort, was dem Gegenüber gefällt und wie man die Person zum sicheren Orgasmus bringt.

In „An Ocean Between Us“ hast du genau so eine Szene eingebaut, als Avery Theo beim ersten Sex aktiv zeigt, was sie will. Damit brichst du mit dem typischen Klischee, dass man sich auf Anhieb wortlos aufeinander einstellt, was die Szene an sich sehr viel realistischer wirken lässt. Hast du so etwas schon öfter in deine Bücher eingebaut?

So etwas habe ich in den ersten Büchern, die ich geschrieben habe, noch nicht eingebaut. Aber die Diskussion zum Thema unrealistischer Sex gibt es ja schon länger und ich sehe das genauso. Die Szene war ursprünglich auch anders, denn Avery sollte sich eigentlich selbst befriedigen und im späteren Verlauf des Buches sollte Theo das dann in einer Art Lerneffekt übernehmen. Allerdings habe ich die Szene so nicht durchs Lektorat bekommen und musste sie abändern (Zum Kontext: In der endgültigen Fassung will Avery sich während des Sexes selbst befriedigen, aber Theo bemerkt es und übernimmt es für sie). Ich wollte die Szene drin haben, weil es natürlich um Menschen Anfang 20 geht, die noch nicht so weit sind und die sich mit dem Thema nicht perfekt auskennen. Theo weiß vielleicht noch gar nicht, was eine Frau braucht, um zum Orgasmus zu kommen. Avery weiß, dass sie mehr braucht und deshalb sollte das in der ersten Szene thematisiert werden und in der zweiten Szene der Lerneffekt auf Theos Seite angesprochen werden.

Glaubst du, dass Verlage und Lektor:innen ihren Leser:innen dadurch etwas vorenthalten, dass ihnen potenziell helfen könnte, bzw. dass Leser:innen dahingehend vielleicht sogar unterschätzt werden?

Ich weiß nicht ob unterschätzen hier das richtige Wort ist. Mir ist in den Verlagen auf jeden Fall schon aufgefallen, dass im Lektorat immer darauf Wert gelegt wird, dass der Protagonist in einem guten Licht dasteht, völlig unabhängig von seinem Bad Boy Status. Durch den Plot des Buches gibt es zu Theo ja schon einen sehr negativen Aspekt, man hat versucht ihn an anderer Stelle daher nicht zu weit in diese böse Ecke zu treiben. Die Leser:innen sollen sich ja während des Buches in ihn verlieben. Als Autor:in darf man auch durchaus mal ein Veto einlegen, aber es gibt bestimmte Dinge, bei denen man keinen Einfluss hat.

Dass du Averys Selbstbefriedigung trotzdem teilweise im Buch unterbringen konntest, zeigt auch, dass sich die Verlage dahingehend doch öffnen. Glaubst du, dass das eine Entwicklung ist, die auch weiter voranschreiten wird?

Ich denke schon, dass das eine Entwicklung ist, die voranschreiten wird. Da spielt auch immer mit rein, dass NA noch sehr jung ist. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass von der ersten Idee bis zum Erscheinen des Buches mitunter zwei Jahre vergehen. Was Leser:innen sich heute wünschen, selbst wenn Autor:innen und Lektor:innen es sofort umsetzen, wird noch einige Zeit dauern, bis es im fertigen Buch in den Läden steht. Das ist eine Entwicklung, die wir alle gemeinsam durchmachen müssen. Ich denke, wir befinden uns da aber auf einem guten Weg und man lernt mit jedem neuen Buch dazu.

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Davon abgesehen achte ich immer sehr darauf, diverse, nicht toxische Bücher zu schreiben und ein zentrales Thema einzubauen, das auch zeitaktuell ist. Lizzys Buch zu schreiben war mir zum Beispiel eine absolute Herzensangelegenheit, weil es so wenig Bücher gibt, die eine Figur mit Gewichtsproblemen in den Vordergrund stellen. Body Positivity ist mir generell unheimlich wichtig, weil ich selbst sehr lange gebraucht habe, um mich so zu akzeptieren und zu mögen, wie ich bin. Leider wird Frauen ja immer noch von allen Seiten versucht einzutrichtern, dass sie falsch sind (zu dürr, zu dick, zu große Nase, zu wenig Oberweite, zu breite Hüften, zu kurze Haare – Liste beliebig erweiterbar).

Schätzfrage: Wie viele Storys hast du begonnen, bis du die erste beendet hast?

Oha, keine Ahnung. 50? 100? Ich kann es wirklich überhaupt nicht sagen. Gerade in meiner Jugend, als ich dann auch den ersten Computer hatte, hab ich ständig was Neues angefangen – allerdings ohne einen Plan zu haben, wo das alles hinführen soll. Ich hatte einfach nur Spaß am Schreiben, aber weil ich nicht geplottet und mich nach wenigen Kapiteln in eine Sackgasse geschrieben habe, habe ich den Spaß dann auch schnell wieder verloren und mich einer anderen Geschichte zugewandt. Früher war mir das alles aber auch gar nicht wichtig. Ich hatte gar nicht den Drive, etwas zu beenden oder mit dem, was ich geschrieben habe, etwas erreichen zu wollen. Ich hatte Spaß am Schreiben an sich (den habe ich übrigens heute noch, das reine Schreiben ist, was ich am meisten liebe), und es war mir völlig egal, ob daraus was wird oder nicht.

Konntest du dir diese Lockerheit bewahren?

Ehrlicherweise schreibe ich mit Deadline sogar besser! Für den dritten Teil der Ocean Reihe hatte ich noch keine Zusage, als ich ihn begonnen habe, da mir von meiner Lektorin gesagt wurde, dass erst mal geschaut werden muss, wie die ersten beiden Bücher laufen. Diese Art von Druck hat mich in meinem Schreiben mehr gehemmt als eine Deadline. Dadurch habe ich für das Buch sechs Monate gebraucht, obwohl ich normalerweise zwei bis drei brauche. Durch die Coronapandemie habe ich bei anderen Autor:innen außerdem gesehen, dass der Verlag bei schlechten Verkaufszahlen auch einfach nicht mehr mit einem weiterarbeitet. Ich wusste also: Die Bücher müssen sich verkaufen.

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Mit welchem Vorurteil über NA würdest du als erstes aufräumen und bindest du das auch aktiv in deine Bücher ein?

Da gibt es so vieles, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Da wäre der sogenannte Bad Boy, der eigentlich nur ein Arschloch ist, was dann am Ende mit seiner schlimmen Kindheit erklärt wird. Dass es in den Büchern nur um Sex geht (und ich weiß wirklich nicht, wo das herkommt. Vielleicht lese ich die falschen – oder eher richtigen – Bücher, aber in denen kommen maximal zwei Sexszenen vor, und wie man bei einer Buchlänge von teilweise über 400 Seiten dann darauf kommt, dass es da nur um Sex geht, ist mir echt schleierhaft).

Grundsätzlich versuche ich das natürlich auch in meine Bücher einzubauen. Meine Protagonisten sind eigentlich immer Good Guys, die natürlich auch ihre Eigenheiten haben und Fehler machen dürfen. Meine Bücher sind auch immer divers, weil mir das unheimlich wichtig ist, ich versuche mit Klischees (die für ein Genre ja auch durchaus wichtig sind und ich teilweise auch gerne mag) zu spielen und sie mal zu brechen. Ich habe festgestellt, dass das nicht immer so bei den Leser:innen ankommt, wie ich mir das vorgestellt hab. Ich werde mal versuchen zu analysieren, woran das liegt.

Hast du dafür ein konkretes Beispiel?

Virginias „Coming Out“ Szene in „An Ocean Between Us“ ist so ein Beispiel. Da gab es so viele unterschiedliche Meinungen – von völlig überzogen bis hin zu dem Vorwurf, dass ich zwar wichtige Themen in das Buch reinbringe, sie aber nur anreiße. Ich möchte solche Dinge mit in die Bücher nehmen, weil sie mir wichtig sind, kann aber keine fünfseitige Abhandlung über Virginias Sexualität schreiben. Dafür ist es einfach nicht Virginias Buch (von dem ich hoffe, dass es eines Tages noch erscheint). Ich versuche die Themen trotzdem in ein normales, alltägliches Gespräch einfließen zu lassen, so wie es in der Realität – beispielsweise zwischen mir und meinen Freund:innen – auch passiert: Themen werden angesprochen, es wird darüber diskutiert und dann verschwindet das Thema für eine gewisse Zeit wieder.

Gerade solche Szenen helfen aber vielleicht auch dabei, den Weg für Bücher zu ebnen, die sich zentral und/oder als Own Voices mit diesen Themen beschäftigen.

Das ist genau das, was ich unterstütze. Man sieht auch, dass es langsam in den deutschen Verlagshäusern ankommt, mit den Büchern von Alicia Zett bei Knaur oder Mehwish Sohail bei LYX zum Beispiel. Allerdings ist die deutsche Verlagswelt auch da noch ziemlich hinterher. Umso mehr hoffe ich, dass beide Bücher im nächsten Jahr gut laufen, damit auch andere Verlage nachziehen.

NA hat in den letzten Jahren einen riesigen Aufschwung erlebt. Was, glaubst du, spricht die Leser:innen an NA besonders an?

NA schließt die Lücke zwischen Jugendbüchern und Erwachsenenromanen, es spricht Themen an, die viele interessieren. Es ist sexier als Jugendbücher, das Knistern zwischen den Protagonist:innen ist dort in vielen Szenen zu lesen, auch ohne dass sie miteinander im Bett landen. NA bringt frischen Wind auf den Buchmarkt und ist endlich mal ein Genre, wo die Verlage verstärkt auf junge, deutsche Autor:innen setzen, und nicht nur englische Bücher übersetzen. Das schafft natürlich auch Nähe zwischen Leser:innen und Autor:innen. Die meisten sind auf Instagram sehr aktiv, nehmen ihre Follower dort in ihrem Arbeitsalltag mit. Sie sind auf Messen bei Lesungen, Signierstunden. Ich denke, dass das auch mit reinspielt.

Ich glaube allerdings auch, dass wir gerade einen Boom erleben, der bald etwas abflachen wird. Das Neue ist ja immer interessant und aufregend, aber wenn man sich ansieht, wie viele Verlage in den kommenden zwei Jahren ebenfalls mit New Adult an den Start gehen werden, wird sich kaum alles davon durchsetzen (können). Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es weitergehen wird.

Welches Genre oder besser gesagt welche Art von Roman wird deiner Meinung nach den nächsten Aufschwung erleben?

Ich denke Fantasy hat gerade einen Tiefpunkt, aber das könnte sich in den nächsten 2 – 3 Jahren ändern. Auch durch die „Midnight Chronicles“ von Laura Kneidl und Bianca Iosivoni. Die Reihe vermengt ja NA mit Fantasyelementen und dadurch, dass sie bei LYX erscheint, bekommt sie natürlich auch einiges an Aufmerksamkeit. Ich könnte mir vorstellen, dass es dadurch auf dieser Schiene weitergeht.

Was ist das größte Problem des Genres NA?

Puh, ich weiß es ehrlich nicht. Also klar gibt es Bücher, die den angepriesenen Bad Boy enthalten, die toxische Muster romantisieren, unrealistisch oder voller Klischees sind, aber das sind bei Weitem nicht alle und vor allem ist es in allen anderen Genres auch der Fall. Trotzdem wird auf keinem Genre derart „herumgehackt“, wie es aktuell bei NA der Fall ist. (Dass da jetzt sogar Verlage mitmachen, die das selbst veröffentlichen wollen und gleichzeitig andere Bücher niedermachen, setzt dem Ganzen noch die Krone auf).

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Vielleicht ist das größte Problem von NA daher, dass es noch recht neu ist. Es hat sich nicht langsam etabliert, sondern ist regelrecht aus dem Boden geschossen und begeistert ja ganz offensichtlich auch viele Leser:innen, sonst würden sich die Bücher nicht so gut verkaufen.

Was ist der überzeugendste Punkt, der für NA spricht?

Ich kann hier wieder nur für mich sprechen. Die Bücher sind emotional mitreißend und wir erleben dort in der Verlagswelt in Deutschland einen Wandel hin zu mehr Diversität (und zwar sowohl innerhalb der Bücher und langsam auch hin dazu, mehr Own Voice Autor:innen zu haben), was uns in anderen Genres weiterhin fehlt. Dass die Bücher so viel gekauft werden, zeigt für mich auch, dass der Markt für diese Geschichten, bei denen es von den großen Verlagen so lange hieß, das wären Nischen, durchaus da ist. Die Leute wollen mehr Vielfalt beim Lesen, das ist ein sehr gutes Zeichen, und ebnet vielleicht auch den Weg für mehr Vielfalt in anderen Genres.

Kannst du schon etwas über deine nächsten Projekte und deine Ziele für 2021 verraten?

Der dritte Band der Between-us Reihe wird im Herbst 2021 erscheinen. Einen genauen Termin hab ich dafür noch nicht, aber das Buch ist schon fertig geschrieben und befindet sich im Lektorat.

Knaur liegen auch bereits die Exposés für eine neue NA-Trilogie vor. Ich hoffe, dass ich da auch noch im Dezember mit meiner Lektorin drüber sprechen kann, wie sie sie findet, ob sie Änderungswünsche hat, etc. Ich spreche Exposés gerne im Vorfeld genau mit meiner Lektorin durch, um einen genauen „Fahrplan“ zu erstellen, was wir beide uns im Buch vorstellen können (und was überhaupt nicht), umso weniger ist dann nämlich später im Lektorat zu tun.

Dann arbeite ich noch an einem realistischen Jugendbuch. Das Exposé hat mein Agent bereits abgesegnet und ich schreibe gerade an der Leseprobe, damit das dann hoffentlich im Frühjahr Verlagen angeboten werden kann.

Das sind auch meine Ziele für 2021. Meine zweite Reihe bei Knaur unter Vertrag bekommen und mit dem Jugendbuch einen weiteren tollen Verlag finden, der mich in dem Genre aufbauen will.

Mit der Weltherrschaft würde ich es dann erst so ab 2023 angehen ;)

Wie sieht deine Schreib-Routine aus?

Meine Schreib-Routine ist nur so semi-Routine. Ich versuche immer morgens vor der Arbeit eine Stunde an meinem aktuellen Projekt zu arbeiten (aktuell im Home Office funktioniert das sehr gut). Ansonsten passiert bei mir einfach sehr viel am Wochenende, weil ich nach der Arbeit oft zu kaputt bin, um mich noch ans Schreiben zu setzen. Mir macht das Schreiben aber nach wie vor sehr viel Spaß. Es gibt auch Kolleg:innen, die sagen „Ich liebe es geschrieben zu haben, aber ich schreibe einfach nicht gerne“. Klar bin ich auch mal unmotiviert, aber ich weiß nicht, ob ich mich jeden Tag hinsetzen würde, wenn es keinen Spaß mehr machen würde, besonders zusätzlich zu meinem 40-Stunden-Job.

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Ich mache mir dahingehend aber auch nicht zu viel Druck. Unter der Woche ist das Ziel 500 Wörter. Wenn ich mehr schaffe, toll. Wenn ich das Ziel nicht erreiche, ist es auch in Ordnung, außer ich habe eine Deadline. Allerdings arbeite ich dafür auch oft vor, um eben nicht in diesen Deadlinestress zu geraten. Mit einem Vollzeitjob kann ich auch einfach nicht am Tag vor der Deadline mich die Nacht hinsetzen und 8.000 Wörter schreiben.

Das sind ja sehr ausgewogene Ansichten, besonders wenn man die Entwicklung der letzten Jahre bedenkt: In den sozialen Medien sind ewige To-Do-Listen und der halbe Burnout fast so etwas wie ein Badge of Honor.

Wenn ich diese ganzen To-Do-Listen sehe, bekomme ich manchmal schon einen halben Burnout nur vom Hinsehen. Dieses Jahr war ja ohnehin alles ein bisschen anders, aber ich achte aktiv darauf, nicht jeden Abend bis 19 oder 20 Uhr da zu sitzen, dass ich mich regelmäßig mit meinen Freund:innen treffe, rauskomme und etwas anderes sehe als meine eigenen vier Wände. Das musste ich aber auch erst lernen. 2018 habe ich den NaNoWriMo mitgemacht und es kamen viele Projekte auf einmal zusammen. Danach bin ich für acht Tage nach Schottland geflogen und als ich da war, hab ich realisiert, dass ich mich überhaupt nicht entspannen konnte. Ich konnte mich nicht auf das konzentrieren, was ich gesehen habe, gar nicht richtig darauf einlassen. Mein Kopf war ständig nur mit dem Schreiben beschäftigt. Man merkt es auch erst mal gar nicht, wie man da reinrutscht. Man steht auf, schreibt, arbeitet und so geht es immer weiter. Aber auch die Kreativität braucht mal eine Pause. Deshalb achte ich sehr stark darauf, eine ausgewogene Work-Life-Balance zu haben, oder eher eine Work-Schreib-Life-Balance.

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Und zum Schluss ein kleines, kreatives Experiment: Vervollständige den folgenden Satz und mach daraus in einem oder zwei Absätzen den Auftakt eines NA Buches:

Als ich den Scherbenhaufen vor mir liegen sah empfand ich alles, außer…

Traurigkeit. Vielmehr war Wut das vorherrschende Gefühl, das in mir aufkam. Wut auf mich selbst und alles, was ich getan hatte. Mein Traum war zerplatzt und ich konnte niemanden dafür zur Rechenschaft ziehen außer mich selbst. Die Scherben des zersprungenen Glases zu meinen Füßen waren wie ein Sinnbild meines Lebens. Wenn man die Teile an den richtigen Stellen wieder zusammensetzte, würde man daraus wieder ein heiles Ganzes formen können.

Doch ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Wo konnte ich ansetzen? Mit welchem Teil sollte ich beginnen? Und was wäre, wenn mir kurz vor der Fertigstellung auffallen würde, dass ich von Anfang an den falschen Ansatz gewählt und damit alles nur noch schlimmer gemacht hätte?

Der Brief, den ich zuvor geöffnet und der mich in dieses Gefühlschaos gestürzt hatte, höhnte mich von der Seite aus an. Es war Ironie des Schicksals, dass er durch das zerbrochene Glas nichts abbekommen hatte. Nicht mal ein Spritzer war auf ihm gelandet. Dabei wünschte ich mir so sehr, ihn nicht mehr sehen zu müssen.

Nur würde das an meiner Situation nichts ändern. Es war die letzte Rückmeldung der Art-Colleges, bei denen ich mich beworben hatte – und wie bei allen zuvor war es eine Absage. Ich war mir absolut sicher gewesen, dass meine Kunst gut genug wäre, um an einem Art-College angenommen zu werden, weshalb ich mir gar nicht erst die Mühe gemacht hatte, mich zur Sicherheit auch bei einem herkömmlichen College zu bewerben. Doch jetzt war das Unmögliche eingetreten. Ich hatte nur Absagen kassiert und nicht den Hauch einer Ahnung, wie es in wenigen Wochen nach meinem Highschoolabschluss mit mir weitergehen würde.

Und wie zuvor schon gesagt. Es war alles einzig und allein meine Schuld.