Schlagwort-Archive: Erschienen 2015

[Rezension] Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke

Die Handlung

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke, das sind Rosemary und Fern. Die beiden sind ein unzertrennliches Gespann, bis zu dem Tag, an dem Fern verschwindet und Rosemary allein mit ihren Eltern und ihrem größeren Bruder zurücklässt. Die Familie verkraftet den Verlust nicht. Die Mutter zieht sich zurück, der Vater wendet sich dem Alkohol zu und Rosemarys Bruder Lowell fühlt sich so entfremdet, dass er die Familie kurz vor seinem Schulabschluss verlässt. Erst im Erwachsenenalter gelingt es Rosemary, die Fragezeichen ihrer Kindheit aufzudecken und herauszufinden, was mit Fern geschah.

Das war gut

Die Abschnitte, in denen man Rosemary und Ferns Leben verfolgen konnte, haben mir am besten gefallen. Die zwei sind ein tolles Team und man sieht sie förmlich vor dem inneren Auge herumtollen und Schabernack treiben.

Ich mag es normalerweise überhaupt nicht, wenn die Erzählstimme mit dem Leser redet. Und Rosemary tut dies oft und gerne, um Situationen zu erklären oder in der Geschichte vorzugreifen. Aber hier hat es mich nicht gestört, im Gegenteil. Der Autorin gelingt es ganz wunderbar, den Leser neugierig zu machen und die Erzählerin authentisch wirken zu lassen. Man hat das Gefühl, mit Rosemary an einem Tisch zu sitzen und sich ihr Leben anzuhören. Und im Gegensatz zu einem vorgeplanten Roman erzählt Rosemary, was ihr gerade einfällt, ohne sich dabei an Chronologien aufzuhalten. Stattdessen schweift sie ab, wenn sie sich an etwas erinnert und vertröstet einen an bestimmten Stellen auf später, da ihr in dem Moment andere Erinnerungen wichtiger erscheinen. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal ein Buch in diesem Stil gelesen zu haben.

Das hat mir nicht gefallen

Es gibt in dem Buch nach ca. 100 Seiten eine Enthüllung, die mich wohl sehr überrascht hätte, wäre ich nicht vorher vom deutschen Verlag und einer Fernsehsendung gespoilert worden. Die Autorin erzählt dort in einem Interview, warum sie diese Enthüllung nicht direkt auf Seite 1 gebracht hat und ich fand ihre Erklärung sehr nachvollziehbar. Umso bedauernswerter ist es, wenn der Wunsch der Autorin nicht respektiert wird.

Es gibt eine Nebenhandlung, die sich um einen verlorenen Koffer und eine Handpuppe dreht, die aber eigentlich nicht mehr zur Geschichte beiträgt, als Rosemary durch die Stadt zu jagen. Der Sinn davon hat sich mir nicht erschlossen.

Und daraus folgt

Karen Joy Fowler erzählt in Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke eine außergewöhnliche, mitreißende und auch traurige Geschichte über eine Familie, die mit zwei ganz besonderen Töchtern gesegnet ist und an dem Verlust der einen zerbricht. Der reale Bezug zu den wissenschaftlichen Versuchen von Rosemarys Vater sind dabei genauso interessant wie die schrittweise Annäherung seiner Tochter an ihre Kindheit und die zögerliche Entwicklung, diese als Teil ihrer Persönlichkeit zu akzeptieren, statt verstecken zu wollen.

[Rezension] Bird Box – Schließe deine Augen

Die Handlung

Gerade als Malorie bemerkt, dass sie schwanger ist, passieren überall auf der Welt merkwürdige Vorfälle, bei denen Menschen wahnsinnig werden und sich auf grauenvolle Weise das Leben nehmen. Schnell wird klar, dass alle Betroffenen etwas gesehen haben, dass sie wahnsinnig gemacht hat. Aber um was es sich dabei handelt, weiß niemand. Die Menschen verbarrikadieren sich in ihren Häusern und verhängen alle Fenster und Öffnungen, in der Hoffnung, verschont zu bleiben. In dieser neuen Welt, die von Dunkelheit und Augenbinden bestimmt ist, wird Malorie ihr Kind aufziehen müssen.

Das war gut

Dem Autor gelingt es hervorragend, eine gruselige Atmosphäre zu schaffen. Obwohl der Schrecken sehr abstrakt ist, reichen schon die Szenen mit Augenbinden, um Gänsehaut hervorzurufen. Und obwohl ich mehr als alt genug bin, um zu wissen, dass Übernatürliches nicht existiert, habe ich den Weg vom Lichtschalter zum Bett im Dunkeln in 3-facher Geschwindigkeit zurückgelegt ;)

Malorie ist Anfang 20 und schwanger und trotz allem der wohl stärkste Charakter in dem Haus voller Überlebender. Sie schreckt nicht vor unangenehmen Wahrheiten zurück und tut, was getan werden muss, auch um ihr Kind zu beschützen.

Das hat mir nicht gefallen

Ich hätte mir – wie so oft – mehr Erklärungen gewünscht: was verursacht den Wahnsinn genau? Warum? Woher kommt das, was man sieht, wenn man verrückt wird usw. Aber im Horrorgenre ist diese Ungewissheit wahrscheinlich üblich, vermute ich.

Ich fand es schade, dass die Figuren rund um Malorie kaum über Statistenrollen hinaus dargestellt werden. Die Gruppe Überlebender macht immerhin die Hälfte des Buches aus und hätte ruhig mehr Hintergrundgeschichte bekommen können. Ich verstehe aber, dass der Autor sich hier voll auf Malories Perspektive und Gefühle konzentriert, um diese spürbar zu machen.

Und daraus folgt

Mit Bird Box ist Josh Malerman ein furchterregendes Debüt gelungen, dass einem die Haare zu Berge stehen lässt, ohne dabei auf effekthaschende Splattermomente setzen zu müssen. Wer wie ich eher subtilen Horror statt Gemetzel bevorzugt, der sollte mal einen Blick riskieren. Aber vergesst eure Augenbinden nicht und schließt eure Türen gut ab!

[Rezension] Einfach Schicksal

Die Handlung

Carolines Großmutter liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus, ihr Zustand ist kritisch. Caroline wird von ihrer besten Freundin zu einer Party eingeladen und muss sich entscheiden: bei ihrer Großmutter BLEIBEN, falls diese aufwacht, oder GEHEN und ein wenig Abstand von all dem Familiendrama bekommen? Von diesem Zeitpunkt an erzählen die Autoren beide Varianten der Geschichte und Caroline wird mit völlig verschiedenen Situationen und Möglichkeiten konfrontiert, die sich aus ihrer Entscheidung ergeben.

Das war gut

Einfach Schicksal hat ein sehr interessantes Konzept, das man auch aus dem Film „Sliding Doors“ mit Gwyneth Paltrow kennt. Die Protagonistin muss an einem bestimmten Punkt eine Entscheidung treffen, die ihre gesamte Zukunft beeinflusst. So zieht Caroline z. B. im Handlungsstrang „gehen“ zu ihrem Vater in eine andere Stadt, während sie in „bleiben“ zu ihrer Mutter in ihr altes Zimmer zurückkehrt. Beide Erzählstränge haben ihre Höhen und Tiefen und sind einzigartig. Die Umsetzung hat mir sehr gut gefallen.

Die Figuren sind realitätsnah gezeichnet, alle haben ihre Probleme und Fehler und man kann ihr Verhalten gut nachvollziehen. Besonders bei Carolines Familie fiel es mir nicht schwer, Sympathien zu entwickeln, auch wenn nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist.

Das hat mir nicht gefallen

Caroline ist während oder nach der Scheidung ihrer Eltern zu ihrer Großmutter gezogen und hat besonders zu ihrer Mutter und Schwester ein sehr angespanntes Verhältnis. Hier hätte ich mir mehr Erklärung gewünscht, da für mich nicht ganz klar war, was nun eigentlich das Problem zwischen den Figuren war.

Und daraus folgt

Besonders gut gefiel mir, dass das Buch die Botschaft vermittelt, dass es nicht die eine richtige Entscheidung gibt, dass keine Alternative perfekt ist und es eher darauf ankommt, was man aus der Wahl macht, die man getroffen hat. Trotz der zwei verschiedenen Zeitstränge ist es eine sehr realistische Geschichte mit Ecken und Kanten. Mir hat Einfach Schicksal sehr gut gefallen und ich kann eine klare Leseempfehlung aussprechen.

[Rezension] Ich und mein anderes Leben

Die Handlung

Schon immer hat Molly Erinnerungslücken. Ganze Stunden und Tage: einfach weg. Was während dieser Blackouts passiert, weiß sie nicht, nur, dass sie danach jedes Mal wie aus einem wilden Traum erwacht. Bis eines Tages nach einem Unfall ein tödlich verletzter Junge in ihren Armen liegt und behauptet, sie zu kennen. Aber Molly kennt diesen Jungen nicht. Oder doch? Als sie sich auf die Suche nach Spuren macht, gerät sie in den Sog einer verstörenden Wahrheit: Sie kannte den Toten[…] | Quelle: cbt

Das war gut

Ich habe die offizielle Inhaltsangabe ein wenig gekürzt, denn dies fand ich einen der interessantesten Aspekte an dem Buch: man weiß nicht, womit man es zu tun hat und tappt genauso im Dunkeln wie Molly. Dieser mysteriöse Teil hat mir gut gefallen.

Ich kann nicht zu viel sagen, wenn ich die Auflösung nicht verraten will, aber: es gibt kein Gut und Böse, was bei diesem Plot gerne mal passiert. Ich fand es gut, dass die Autorin dieses Klischee umschifft hat.

Das hat mir nicht gefallen

Die Nebenfiguren bleiben leider blass und sind mehr schmückendes Beiwerk, als die Handlung vorantreibend. Besonders bei Mollys Schulfreunden fiel mir dies auf, bei Sayer ist es aber auch nicht besser. Das Buch hätte gerne ein paar Seiten mehr haben dürfen, um die Figuren besser auszuarbeiten.

Das Verhalten Molly gegenüber erschien mir nach der Auflösung des Rätsels sehr merkwürdig. Ich hatte mir so etwas gedacht, aber irgendwie passte es mit den Vorstellungen, wie die Familie und Freunde mit Molly umgehen sollten, nicht zusammen.

Und daraus folgt

Ich hatte aufgrund des Covers mit einem Fantasyeinschlag in der Geschichte gerechnet, auch weil ich mir die Inhaltsangabe wohl nicht besonders genau durchgelesen habe. Stattdessen erwartet den Leser etwas völlig anderes. Das Geheimnis um Mollys Blackouts verspricht spannende Lesestunden, aber leider kratzt das Buch durch den Fokus auf die Spurensuche nur an der Oberfläche. Im Nachhinein habe ich mir gewünscht, dass die Erklärung früher gekommen wäre und danach der Schwerpunkt auf Mollys Umgang damit gelegt worden wäre. Schade.