Archiv der Kategorie: Bücher

Alexa, spiel Déjà-Vu von Beyoncé!

Originaltitel:
-
Autor/in:

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Themen:
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Reihe:
LOVE NXT 2 von 3
Seiten: 464
Preis: 12,90 €, Klappenbroschur
ISBN: 9783736313057
Erscheinungsdatum: 28.08.2020

Vor ein paar Monaten haben wir When We Dream gelesen und rezensiert. Was aus Neugierde und einer harschen Diskussion auf Twitter entstand, ist für uns mittlerweile zum Guilty Pleasure geworden. Vor allem nachdem wir bei When We Dream ja nicht mit Kritik gegeizt haben, waren wir gespannt, ob sich das im zweiten Teil geändert hat. So viel sei verraten – an einer Stelle im Buch hatten wir auf jeden Fall so etwas wie Gänsehaut…

Nachdem When We Dream mit einem Cliffhanger geendet hat, waren wir ziemlich gespannt, wie es weitergehen würde. Anne Pätzold hat gegen Ende des ersten Buches ziemlich aufs Gas getreten und nachdem wir Ella und Jae-yong ja nun kennengelernt hatten, war ein üppiges Plot-Buffet für Band 2 hergerichtet. Wer sich noch an die Zeiten von Buffets vor Corona erinnern kann, der wird sicher auch wissen, dass man, obwohl man das Essen schon riechen und sehen kann, doch manchmal noch ein bisschen warten muss. Und ein bisschen war in diesem Fall ein gutes Drittel des Buches.

When We Fall liest sich am Anfang ähnlich wie das erste Buch. Ella ist allein, ihr geht es nach den Vorkommnissen aus dem vorherigen Buch nicht sehr gut und sie spricht eigentlich nur mit ihrer Arbeitskollegin, ihrem Studienkollegen Matt oder ihrer noch immer in Australien weilenden Freundin Erin. Viel passiert also nicht und das ändert sich auch erst, als Ella sich doch wieder dazu entscheidet, gegen jede Vernunft und eventuelle Lektionen aus dem ersten Teil Jae-yong auf eine erneute Nachricht zu antworten. An dieser Stelle wird klar, wie schwierig die Logistik der Reihe eigentlich ist. Denn Ella und Jae-yong sehen sich nicht nur maximal ein, zwei Mal pro Buch, sondern der Großteil ihrer Beziehung findet nur über Nachrichten und Videocalls statt. Was im ersten Teil noch eine spannende Dynamik war, die gut funktionierte, lässt in Teil 2 eher zu wünschen übrig. Ähnlich wie der Plot zu Beginn werden die Chats und Gespräche repetitiv.

Nein wirklich! Wir hatten Gänsehaut!

Als das Buch sich von seinem Vorgänger langsam aber sicher löst, überrascht die Autorin mit einer Szene, die uns beiden Gänsehaut beschert hat. Zum ersten Mal sieht Ella Jae-yong live in „seinem Element“, als sie mit ihrer kleinen Schwester Liv ein Konzert seiner Band besucht. Dabei werden Ellas Emotionen und die Atmosphäre im Stadion so einfühlsam und fesselnd geschildert, sodass man gar nicht anders kann, als sich von der Szene mitreißen zu lassen. Wie Ella fühlt man sich nach dem Konzert fast ein bisschen hibbelig und so, als hätte man tatsächlich gerade selbst im Publikum gestanden und mitgesungen. In Zeiten von Semi-Lockdowns und Corona ein nicht zu verachtendes Leseerlebnis und auch der Beweis dafür, dass die Autorin mit Worten umgehen kann. Das zeigt sie auch im Umgang mit den mentalen und psychischen Auswirkungen, die Ella aus Band 1 mitgenommen hat. Die Autorin beweist an manchen Stellen sehr viel Fingerspitzengefühl, was einen das ein oder andere Mal zustimmend nicken lässt, weil man selbst vielleicht schon einmal dasselbe erlebt oder dasselbe gespürt hat.

Weiblich, 19, sucht Spannungsbogen

Das Buch hatte sich gerade durch die Konzertszene von seinem schwachen Start erholt, als der Spannungsbogen alsbald auch schon wieder abflachte. Obwohl danach noch ein bisschen „emotional bonding“ folgt, bleibt der übergeordnete Plot da, wo er gefühlt schon die ganze Zeit war. Große Entwicklungen gibt es nicht und ungefähr 80 Seiten vor Schluss fragt man sich, was eigentlich noch kommen soll. Denn die Situation ist nicht nur verfahren, es gibt auch keinerlei Anzeichen dafür, dass auf einen Höhepunkt zugesteuert wird. Das Buch tröpfelt einfach nur so vor sich hin und macht es einem schwer dranzubleiben. Erst auf den letzten Seiten werden die Weichen für Drama und große Entscheidungen in Band 3 gelegt.

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Fühlte sich der Schreibstil von When We Dream noch wie eine To-Do Liste an, die abgearbeitet werden musste, so besticht When We Fall leider durch die vermehrte Nutzung der geliebten „…“ als Stilmittel und Genitiven, die ihre wahre Identität hinter einer Fassade aus Dativen verbergen. Beides ist in gesunder Dosis durchaus verständlich, aber als Rudeltier beim Lesen irgendwann nur noch lästig. Besonders die „…“ machen an manchen Stellen nur wenig Sinn und unterbrechen nicht nur den Lesefluss, sondern lassen einen sich auch irgendwann darüber wundern, was da wohl alles ungesagt bleibt…

„New Adult“ – mehr als Sex?

Nicht erst in den letzten Wochen wurde immer öfter betont, dass New Adult Bücher mehr als Sex sind. Zu Recht! Themen, Protagonist:innen, etc. unterscheiden sich maßgeblich von denen aus der Young Adult Ecke. Und trotzdem entsteht nach dem sehr züchtigen ersten Buch in When We Fall der Eindruck, dass auch in Sachen Sex ein bisschen aufs Gas getreten werden musste. Die Beziehung von Ella und Jae-yong entwickelt sich dahingehend eindeutig und auch wenn das der natürliche Lauf der Dinge ist – ganz rund fühlte sich das nicht an. Gerade in zwei, drei Schlüsselszenen wirkte die körperliche Nähe zwischen den beiden unbeholfen und eckig. Der Funke wollte auf uns nicht so richtig überspringen und so versuchten wir mehr schlecht als recht, durch diese Momente zu kommen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Im Dezember erscheint mit When We Hope der dritte und letzte Band der Reihe – und wir sind immer noch gespannt. Gespannt darauf, wie die Autorin die Probleme aus den ersten beiden Teilen lösen will. Gespannt darauf, wie sich der Schreibstil weiterentwickelt. Und gespannt darauf, wer sein bisheriges Leben aufgeben muss – Ella oder Jae-yong? Wer weiß, vielleicht überrascht uns die Autorin zum Schluss mit einem fulminanten Finale, dass uns von den Socken haut. We hope, you hope – J-Hope!


When We Dream – was kann das viel diskutierte K-Pop Debüt?

Originaltitel:
-
Autor/in:

Verlag:

Themen:
, ,
Reihe:
LOVE NXT 1 von 3
Seiten: 408
Preis: 12,90 €, Klappenbroschur
ISBN: 978373631304
Erscheinungsdatum: 30.04.2020

Hier sind wir nun und rezensieren ein Buch, das wir vor ein paar Wochen noch gar nicht lesen wollten, weil es im Vornherein schon zu einer hitzigen Diskussion kam. Zum Kontext: Das Cover von „When We Dream“ lehnt sich stark an das Albumcover von „Love Yourself: Answer“ von BTS an und der Verlag hat bestätigt, dass dies kein Versehen, sondern Absicht war, sprich: Hier wurde ganz gezielt eine Fanbase angesprochen. Eine Marketing-Maßnahme, die nicht allen gefiel. Auf Twitter entsponn sich daraufhin eine sehr unfaire Diskussion, gefolgt von Melde- und Boykottaufrufen. Da wir das sehr überzogen fanden, wollten wir dem Buch eine Chance geben, denn „Don’t judge a book by it’s cover“, richtig?

Aber worum geht’s in When We Dream denn überhaupt? Das ist schnell erzählt. Die 19-jährige Ella lebt in Chicago und ist frustriert von ihrem Wirtschaftsstudium. Bei einer Awardshow lernt sie backstage Jae-yong kennen, der ein Mitglied der südkoreanischen K-Pop-Gruppe NXT ist – die erfolgreichste Boyband der Welt; was Jae-yong Ella allerdings verschweigt. Die beiden verlieben sich ineinander und versuchen eine Beziehung aufzubauen, was aufgrund der räumlichen Distanz und Jae-yongs vertraglichen Verpflichtungen allerdings nicht gerade einfach ist.

Unsere Meinung zum Buch lest ihr im folgenden Gespräch, das wir farblich passend zum Buch kodiert haben.

Anja in rosa

Tabi in lila

When We Dream Cover

Ella und Jae-yong: ein Traumpaar?

Ich war sehr neugierig, da ich „Star und normalsterbliche Person verlieben sich“ als Plot mag, schließlich hat das schon bei „Notting Hill“ und „Cinder & Ella“ funktioniert. Ich finde den Einstieg in die Beziehung von Ella und Jae-yong jedoch nicht nur sehr problematisch, sondern auch zutiefst unglaubwürdig. Ella sitzt in der Garderobe einer großen Awardshow, als Jae-yong den Raum betritt. Mal davon abgesehen, dass sie ihn aufgrund seiner Erscheinung sofort als Künstler identifizieren müsste, was sie nicht tut, bleibt mir völlig schleierhaft, warum Jae-yong den Raum nach Beendigung seines Telefonats nicht sofort wieder verlässt. Nichts an Ellas Auftreten ist so faszinierend, dass es sein Bleiben erklären würde. Im Gegenteil, Ellas Verhalten ist so klischeehaft und peinlich, dass er eigentlich rückwärts hätte flüchten müssen. Zuallererst geht sie davon aus, dass er kein Englisch spricht; das kann ich noch nachvollziehen, da er auf koreanisch telefoniert. Aber nein, als nächstes stimmt sie ihm zu, dass er nicht wie „ein typischer Amerikaner“ aussieht und tauft Jae-yong dann in „Jay“ um, weil sie nicht in der Lage ist, seinen Namen nachzusprechen (der btw wirklich einfach ist). Dieses Othering versucht die Autorin damit zu entschuldigen, dass Ella vor Scham im Erdboden versinkt und ihr selbst bewusst ist, wie peinlich das ist, was sie da gerade sagt. Haha, wie niedlich, das kleine weiße Mädchen ist mit dem Anblick eines Asiaten überfordert. Und das, obwohl Chicago ca. 5 % asiatischstämmige Einwohner hat (laut United States Census 2010).

Noch bevor Jae-yong überhaupt den Raum betritt erfüllt Ella außerdem ein typisches Protagonistinnen-Klischee: Sie versinkt über mehrere Minuten lang in einem Buch. Ein unscheinbares Mädchen, das ein Bücherwurm ist – es wäre so erfrischend gewesen mal etwas anderes als das zu lesen. Sie vergisst darüber hinaus auch äußerst schnell den Grund, weshalb sie eigentlich da ist: Um auf ihre Schwester Liv aufzupassen. Die verläuft sich natürlich auch prompt in die Garderobe eines anderen Stars. Einfacher hätte Liv wirklich nicht entkommen können! All das dient als Aufhänger für das erste Treffen, aber die Stränge, die dafür gespannt wurden, sind einfach eine Spur zu offensichtlich.

Das ganze Buch über wurde mir nicht klar, was Ella und Jae-yong eigentlich aneinander finden. Ihre Gespräche bleiben belanglos und hölzern, ohne das großartige Chemie aufkommen würde.

Ihre Wortgefechte sind witzig und unterhaltsam, aber bis auf einige wenige Momente fehlt den beiden die Tiefe. Das liegt vielleicht auch daran, dass mit den Beschreibungen nicht gegeizt wird, wenn die beiden sich face to face sehen: Jede Aussage muss mit einer Geste ausstaffiert sein. Das führt dazu, dass unzählige Blicke ausgetauscht, ein Lächeln nach dem anderen aufgesetzt und ein ums andere Mal an einer Cola genippt wird (obwohl Ella eingangs sagt, dass sie nicht versteht, wie ihre Schwester bei der Masse an Zucker, die sie konsumiert, noch gute Zähne haben kann). Diese Wiederholung von den immer gleichen Gestiken schärft die Charaktere und die Beziehung zwischen Ella und Jae-yong jedoch nicht – sie erstickt sie mit Füllmaterial. Ihre Worte sprechen dabei doch so gut für sich allein – oder zumindest hätten sie das Potenzial dazu.

Ich glaube, „When We Dream“ funktioniert für mich vor allem deshalb nicht, weil ich Ella und Jae-yong nicht abkaufe, dass sie sich aufgrund der Ausgangssituation ineinander verlieben. Das Fundament, auf dem ihre Beziehung aufbaut, ist für mich einfach zu dünn. In „Cinder & Ella“ von Kelly Oram geht es ebenfalls darum, dass sich ein Star (hier: Schauspieler) und eine normalsterbliche Person ineinander verlieben. Aber die beiden kennen sich zu diesem Zeitpunkt bereits lange und sind befreundet, da ist es für mich nachvollziehbar, dass der schwer beschäftigte Star Zeit in die Beziehung investiert. Bei Jae-yong hingegen reichen fünf Minuten Gespräch voller Klischees und Vorurteile, um Ella wiedersehen zu wollen. I don’t get it.

Der Stil des Buches

When We Dream Cover

Fangen wir mit dem Positiven an: „When We Dream“ besticht oft und gerne durch den Humor der Autorin. Der kommt besonders schön zum Tragen, wenn Ella mit ihren Schwestern Mel und Liv oder mit Jae-yong interagiert. Das formt besonders die drei zuletzt genannten Charaktere und macht sie charmant und interessant. Ansonsten fällt der Stil jedoch durch: Besonders in der ersten Hälfte stolpert man über immer und immer wiederkehrende Phrasen wie „im nächsten Moment“. Das trägt leider sehr zu dem Gefühl bei, dass das Buch – wie eine Art To-Do Liste – eine Abfolge von mehr oder minder trivialen Handlungen ist. Natürlich gibt es viele wichtige Szenen – aber fast ebenso viel Füllmaterial. Das macht das Buch nicht nur langatmig an manchen Stellen, sondern es geht auch kostbarer Platz verloren, in dem Nebencharaktere wie Matt oder sogar Ella selbst interessanter und kantiger hätten definiert werden können. So bleiben beide sehr konstruiert und leer, besonders Ella wirkt in vielen Momenten wie ein Gefäß, das Leser:innen mit ihren eigenen Ideen ausstaffieren können.

Welche Diskrepanzen sich im Stil auftun, wird dann gegen Ende noch deutlicher: Schlüsselszenen wie im Hotel, als Ella im Zugzwang ist und eine schnelle Entscheidung unter Druck treffen muss, sind in ein bis zwei Seiten abgehandelt. Sicherlich ist ein Großteil dessen der Situation geschuldet: Ella ist verwirrt, bestimmt auch schockiert. Aber auch wenn alles an ihr vorbeirauscht ist es trotz allem sehr, sehr schwammig. Das Ende von „When We Dream“ hetzt sich dann selbst ziemlich ab und man wünscht sich als Leser:in, dass es einige der Details vom Anfang und Mittelteil eher hierher geschafft hätten.

Das mit der To-Do-Liste empfand ich auch so. Die Aufzählungen, was Ella in welcher Reihenfolge mit welcher Hand macht, waren sehr anstrengend und überflüssig. Bei den Figuren kann ich dir aber nur bedingt zustimmen: für mich blieben alle gleich blass. Und ich hatte das Gefühl, dass jede Nebenfigur aus einem ganz bestimmten Grund eingebaut wurde und darüber hinaus keine Eigenschaften hatte.

Matt: Notiz-Beschaffungsmaßnahme für versäumte Vorlesungen
Mel: Finanzierung des Lebensunterhalts
Liv: K-Pop-Expertin und Aufhänger für den Besuch der Awardshow
Lana: Übernahme von Arbeitsschichten, um Jae-yong treffen zu können
Sam: der Chauffeur (Wer ist er? Jae-yongs Management darf nichts  von seiner Beziehung wissen, also ist er nicht Management. Warum arbeitet er dann für NXT/Jae-yong?)

Was ich im obigen Abschnitt schon einmal erwähnt habe, setzt sich dann bis zum Ende fort. Wurde vorher mit Beschreibungen und Ähnlichem nicht gegeizt, ist das Ende ziemlich schnell abgehandelt. Das gilt auch für Jae-yongs Bedenken bezüglich dieser ganzen Sache zwischen ihm und Ella. Es ist als wäre er sich vorher nicht bewusst gewesen, was alles auf dem Spiel steht – und das obwohl die Risiken (und Nebenwirkungen) vergleichsweise oft und schnell auf dem Tisch waren. Zumindest nachdem Ella klar wurde, wen sie da kennengelernt hat. Natürlich erwischt einen die Realität manchmal wie ein Eimer kaltes Wasser, plötzlich und unerwartet, aber das ging mir eben einfach ein bisschen zu schnell. Zudem haben sich Charaktere wie Mel und Liv um fast 180 Grad gedreht und mit teilweise extremen Reaktionen aufgewartet, die man in dieser Intensität nicht erwartet hätte.

Es frustriert mich, dass Autor:innen es anscheinend verlernt haben, Enden zu schreiben. Erst kürzlich habe ich mich darüber geärgert, als ich „Falling Fast“ und „Flying High“ gelesen habe, denn hierbei handelt es sich um ein Buch, das einfach an einer Cliffhanger-Stelle durch zwei geteilt wurde. „When We Dream“ hat ebenso kein Ende. Bzw. es hat ein Kapitelende, aber kein BUCHende. Auf der nächsten Seite könnte es nahtlos mit der nächsten Szene weitergehen und ich prophezeie an dieser Stelle, dass es auch so kommen wird, denn wenn die Fortsetzung später ansetzt und dann in Rückblicken erzählt, was geschah, schreie ich.

Das Echo

Nachdem sich, besonders auf Twitter, noch vor dem Release des Buches einige Fronten aufgetan und Block-Chains in Kraft getreten waren, wollten viele Blogger:innen und Leser:innen der Autorin den Rücken stärken und kauften sich das Buch. Das Echo der Meinungen fiel daraufhin fast einheitlich sehr positiv aus. „When We Dream“ gilt – um es hier kurz zu pauschalisieren – als ein Wohlfühl-Buch, etwas, was man angenehm weglesen kann. Auch deshalb haben wir uns so sehr dafür interessiert – schließlich wäre das ja ein schwieriger Auftakt mit einem Happy End für das Buch und die Autorin gewesen. Dass das Buch bei uns beiden durchgefallen ist, ist eine ebenso subjektive Sache wie die vielen guten Reviews. Was uns jedoch auch aufgefallen ist, ist dass der Diskurs vor dem Erscheinen des Buches einige Ecken und Kanten glattgeschliffen hat, die unter anderen Umständen durchaus zur Sprache gekommen wären und auch unbedingt müssten. Wären die Meinungen ohne diese vorherige Diskussion trotzdem so ausgefallen? Vielleicht. Sollte auch ein Wohlfühlbuch denselben kritischen Diskurs erfahren, für den so lange gekämpft und um den so lange diskutiert wurde? Unbedingt!

Dem kann ich nur zustimmen. Bei mir entsteht der (natürlich subjektive) Eindruck, dass aufgrund der Diskussionen das Buch, vielleicht auch unbewusst, wohlwollender aufgenommen wird, als es vielleicht ohne Coverkritik der Fall gewesen wäre. Nach dem Motto „Lieber ein bisschen mehr loben als kritisieren, schließlich hatte die Debütautorin es schon schwer genug.“ Das finde ich sehr schade, denn es gibt durchaus Kritikpunkte, die man anbringen könnte.

Wie steht ihr zu der Diskussion? Werdet ihr neugierig oder nehmt ihr lieber Abstand von Büchern, die vorab einer solchen Debatte unterliegen? Und wie wirkt sich das auf eure Wahrnehmung des Buches aus? Lasst es uns wissen!


[Rezension] Vintage

Originaltitel:
Vintage
Autor/in:

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Reihe:
-
Seiten: 400
Preis: 24,00 €, Hardcover
ISBN: 9783257070026
Erscheinungsdatum: 23.08.2017

Mit dem Begriff Vintage werden alte, hochwertige Musikinstrumente bezeichnet, die als besonders wertvoll gelten und bei Sammlern äußerst begehrt sind. Gerade bei Gitarren aus den 50er und 60er Jahren wird dieser Begriff gerne genutzt, denn diese Gitarren zeichnen sich durch höchste handwerkliche Qualität aus.

Gibson und Fender waren mir natürlich Begriffe, aber so richtig Ahnung von Gitarren hatte ich nicht. Nach der Lektüre von Vintage von Grégoire Hervier hat sich das nun geändert.

Thomas Dupré ist ein junger Gitarrist und Journalist, der in einem renommierten Pariser Gitarrenladen arbeitet. So recht weiß er noch nicht, wohin es mit ihm gehen soll und da kommt es ihm sehr gelegen, als ihn sein Chef nach Schottland schickt. Ein reicher Sammler hat eine Gitarre gekauft und möchte, dass die Les Paul Goldtop von 1954 persönlich bei ihm abgeliefert wird.

So macht sich Thomas auf den Weg nach Schottland und ist vollkommen überwältigt, als er das Anwesen Lord Winsleys betritt. Das Anwesen gehörte einst Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin. Doch damit nicht genug! Als Thomas die Gitarrensammlung Lord Winsleys sieht, ist er im Himmel. Denn Lord Winsley besitzt einfach jede Gitarre, so selten sie auch sein mag. Jede? Oh nein. Eine Gitarre wurde ihm angeblich gestohlen: Die legendäre Gibson Moderne. Die Existenz dieser mythenumrankten Gitarre ist unbewiesen, doch Lord Winsley beauftragt Thomas das zu ändern. Er soll Beweise finden, dass es die Gibson Moderne wirklich gegeben hat. Der Lohn: Eine Million Euro.

Und so begibt sich Thomas auf einen rasanten Roadtrip, der ihn durch die Tiefen des Internets nach Sydney und schließlich in die USA, zu den Wurzeln des Blues und Rock führt. Unterwegs trifft er so einige verrückte und musikbesessene Gestalten und gerät in manch skurrile und auch gefährliche Situation. Ob Begegnungen mit gewalttätigen Elvis-Imitatoren oder vergessenen Musikgenies, die Reise stellt Thomas gesamtes Leben auf den Kopf.

Romane über Musik verbinden meine beiden großen Leidenschaften und dieser Roman hat mich völlig begeistert zurückgelassen. Grégoire Hervier schafft es Fakten und Fiktion so wunderbar zu verweben, dass eine abgefahrene Geschichte entstanden ist, die trotzdem genau so passiert sein könnte. Das Buch erschafft eine so wohlige Atmosphäre, die Lust auf eine Reise nach Memphis und ins Land des Blues macht. Und irgendwie auch darauf, verschollene Vintage-Gitarren zu entdecken und die größte Gitarrensammlung überhaupt aufzubauen.

Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, musste ich es erstmal meinem Vater in die Hand drücken, der ebenfalls völlig musikverrückt ist. Mit der Folge, dass er sich in Literatur über Musikinstrumente vergraben hat und sich nun von Monsieur Hervier noch einen Roman über die Geschichte der Orgel und des Schlagzeugs wünscht.

Ein wahres Lesevergnügen für Musikliebhaber, Krimifreunde und Fernwehhabende.


DJLP17: Eine Dichterecke, die Leben verändert

Originaltitel:
Every Last Word
Autor/in:

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,
Reihe:
-
Seiten: 336
Preis: 16,95 €, Hardcover
ISBN: 9783734850219
Erscheinungsdatum: 25.01.2016

Samantha leidet an Zwangsstörungen. Die Zahl Drei bestimmt viele ihrer Handlungen, außerdem hält ihr Gehirn sie oft in schier endlosen und furchterregenden Gedankenspiralen gefangen. Ihren Freundinnen verheimlicht sie ihre Probleme, die Fassade aufrechtzuerhalten hat sie perfektioniert. Dann lernt sie Caroline kennen, die so ganz anders ist als die oberflächlichen Mädchen in ihrer Clique und der Samantha sofort vertraut. Sie erzählt ihr von ihren Zwangsstörungen und Caroline lädt sie in einen geheimen Dichterclub ein. Samantha beginnt zu dichten und verliebt sich in Clubmitglied AJ, mit dem sie eine gemeinsame Vergangenheit verbindet.

Die Idee zum Buch kam Tamara Ireland Stone durch eine Freundin der Familie, bei der mit 12 Zwangsstörungen diagnostiziert wurden. Bei der Rercherche wurde die Autorin durch vier Experten und besagte Freundin unterstützt, um ein möglichst authentisches Bild der Erkrankung zeichnen zu können. Da eine direkt Betroffene an dem Buch mitgewirkt hat, gehe ich davon aus, dass dies gelungen ist. Wahrscheinlich jeder kennt das Gefühl, wenn man sich fragt, ob man den Herd wirklich ausgestellt hat, das Auto abgeschlossen, das Licht ausgemacht hat etc. Aber wie es sich anfühlt, wenn diese Überlegungen zwanghaft werden, das möchte man gar nicht wissen.

Besonders hervorzuheben ist, dass Therapien und Medikamente im Buch als etwas positives und wichtiges dargestellt und nicht verteufelt werden. Die Darstellung macht Hoffnung und Mut darauf, (wenn benötigt) selbst ebenfalls eine/n so engagierte/n Therapeutin oder Therapeuten zu finden, dem das eigene Wohl am professionellen Herzen liegt und bei der/dem man sich gut aufgehoben fühlt.

Weiterhin sehr gut gefallen haben mir auch die Szenen in der Dichterecke mit Sams neuen Freunden. Obwohl die einzelnen Personen gar nicht so viel Raum einnehmen, ist jede eindeutig unterscheidbar und alle haben ihre eigene Geschichte. Und auch wenn ich eigentlich kein großer Lyrikfan bin, haben die vorgetragenen Gedichte mein Herz berührt oder mich zum Lachen/Weinen gebracht. Mein persönliches Highlight war allerdings die Darstellung von Sams Freundschaft zu der „verrückten Acht“, ihrer Mädchenclique aus Grundschulzeiten. Die Mädchen sind schon lange nicht mehr zu acht und Oberflächlichkeit und Neid beherrschen ihren Alltag. Stück für Stück gelingt es Sam im Laufe des Buches, sich aus dieser toxischen Freundschaft zu lösen. Auch ohne Zwangsstörungen ist sowas ein sehr schwieriger und schmerzhafter Prozess, den ich nur allzu gut nachempfinden konnte.

Kurz gesagt: Tamara Ireland Stone schickt die Leser von Mit anderen Worten: ich auf eine emotionale Achterbahnfahrt, an deren Ende man sich ganz fest wünscht, das nur ja alles gut wird. Die Darstellung von Freundschaften aller Facetten ist der Autorin besonders gut gelungen. Beim Deutschen Jugendliteraturpreis ist der Roman für den Preis der Jugendjury nominiert. Und den hätte er auch verdient.