„Bücher zeigen uns, was wir erreichen können!“ – Interview mit Autor Nicholas Eames

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Was passiert eigentlich nach dem großen Abenteuer? Nach der großen Heldenreise? Was passiert, wenn Helden alt und faul werden? Und was passiert, wenn Ruhm und Ehre ihre dunkle Schattenseite offenbaren?

All diese Fragen stellte sich auch der kanadische Autor Nicholas Eames. Antworten finden sich in seinem Debüt, „Könige der Finsternis“ und der Fortsetzung „Die Schwarze Schar“ (beide erschienen bei Heyne). Inspiriert von Rock-Legenden der 70er Jahre schickt er seine Truppe an ehemaligen Helden in „Könige der Finsternis“ durch eine fantastische Welt voller Gefahren und Humor. Der Plan: Das Vollbringen einer letzten Heldentat. Aber damit einher geht auch der Versuch, wieder zur alten Größe zurückzufinden. Gar nicht so einfach, wenn man schon ein paar Jahre aus dem Business und eigentlich sesshaft (um nicht zu sagen: faul) geworden ist.

Was ihn zu den ungewöhnlichen, aber so eindrucksvoll geschriebenen Themen und Charakteren inspiriert hat, welchen Charakter er gerne Mal in Jane Austens Stolz und Vorurteil sehen würde und was er über Band 3 seiner Reihe, „Outlaw Empire“, verraten kann – das hat mir Nicholas Eames im Interview erzählt.

The Kingsman of the Wyld himself – Nicholas Eames

Zuallererst: Wie geht es dir? Wie ist es dir mit Corona ergangen?

Mir geht’s gut, danke! Da ich von zu Hause aus arbeite und die meisten meiner Hobbys in den eigenen vier Wänden stattfinden, habe ich bisher Glück gehabt, denn mein Tagesablauf hat sich nicht allzu sehr verändert. Allerdings vermisse ich Coffeeshops. Und ich kann nicht so oft in einem schicken Restaurant essen gehen, wie ich es gerne würde.

Um beim Thema Corona zu bleiben: Das Schreiben ist an sich schon eine sehr zurückgezogene Tätigkeit, aber hatte die Pandemie trotzdem einen Einfluss auf deine Schreibroutine?

Nicht auf die Routine, nein, aber ich denke, für mich (und andere, nach dem, was ich gehört habe) hat sie zweifellos einen Schatten über die Dinge geworfen. Ich glaube, es ist schwer, sich zu konzentrieren, wenn die Welt um einen herum so chaotisch ist – wie wenn man versucht zu arbeiten, während das Haus um einen herum abbrennt. Ich kenne einige Autor:innen, die im letzten Jahr sehr produktiv waren. Ich wünschte, ich wäre einer von ihnen!

Dein erster Roman, „Könige der Finsternis“, wurde 2017 veröffentlicht. Wie hat sich dein Leben seither verändert?

Ich bekomme viel mehr E-Mails! Davon abgesehen aber nicht allzu sehr. Ich habe das große Glück, dass der Erfolg meines Buches mir (zumindest vorübergehend) die Freiheit gegeben hat, hauptberuflich zu schreiben. Allerdings habe ich nach der Veröffentlichung zwei Jahre lang in der Gastronomie gearbeitet, also habe ich immer noch gekellnert, als „Die dunkle Schar“ in den Regalen stand. Ich habe ein bisschen mehr Stress als vor der Veröffentlichung, aber bin jetzt erfüllter als je zuvor.

Was ist deine erste Erinnerung im Zusammenhang mit „Könige der Finsternis“? Und war es Clay Cooper, der dir eine Kassette mit seinen liebsten klassischen Rocksongs in die Hand gedrückt hat?

Schön wär’s! Meine erste Erinnerung ist eigentlich ziemlich klar. Ich saß auf einer winzigen Veranda hinter meiner Wohnung in Vancouver, umgeben von leuchtend grünen Pflanzen und begleitet von einem kleinen, aber feinen roten Ahornbaum. Ich habe Led Zeppelin gehört und schrieb den ersten Absatz des Buches und fühlte mich irgendwie schon mit Clay Cooper auf eine Weise verbunden, wie ich es mit keiner Figur zuvor gewesen war.

Die Reihe rund um Saga und Fable ist bekannt für ihre gut gelungene Mischung aus Humor, Action und Emotionen: Welches davon schreibst du am liebsten? Welches ist das schwierigste?

Ich glaube, ich schreibe am liebsten ergreifende Szenen, obwohl es eine Weile dauern kann, bis ich die richtigen Worte finde. Der Humor fällt mir am leichtesten, keine Frage, und die Actionszenen sind am schwierigsten von allen. Ich weiß nicht, warum – irgendwie muss man dafür sorgen, dass das Chaos des Kampfes so klar wie möglich ist.

„Die dunkle Schar“ hat ein bestimmtes Kapitel, Kapitel 43, auf das die Leser:innen sehr emotional reagieren (zu Recht). Wie gehst du mit solchen emotionalen Meilensteinen in deinem Buch um? Kannst du eine gewisse Distanz zu diesen Momenten wahren oder gehen sie dir auch nahe?

Oh, sie gehen mir definitiv auch an die Nieren. Wenn ich Kapitel 43 von „Die dunkle Schar“ noch einmal lese, treibt es mir immer Tränen in die Augen. Mein Bruder liest mit mir Korrektur, kurz bevor das Buch veröffentlicht wird. Normalerweise bin ich ihm etwa zwanzig Seiten voraus, und kurz nachdem ich meine Tränen getrocknet hatte, begann auch er zu weinen. Wir sind eine emotionale Familie, was soll ich sagen!

Bloody Rose – Die dunkle Schar (Band 2)

Wie sehr freust du dich auf die Reaktionen deiner Leser:innen zu solchen Szenen oder Kapiteln?

Nun, mit Kapitel 43 in „Die dunkle Schar“ war es die erste wirklich, wirklich traurige Szene in der Reihe. Aber ich bin nicht selbstsicher genug, um zu wissen, dass sie jemanden auf die gleiche Weise berühren wird wie mich oder meinen Bruder. Allerdings gab es auch am Anfang des zweiten Buches Tränen, als Tam sich von ihrem Vater verabschiedet. Mein Bruder ist also ein sehr guter Parameter, um zu sehen, wie die Leute reagieren werden – zumindest die emotionalsten. Aber ja, man hofft einfach, dass die Leute so darauf reagieren, wie sie es glücklicherweise getan haben.

Apropos Bruder – wie viele Leute sind an dem Prozess beteiligt, wenn du ein Buch veröffentlichst?

Hauptsächlich mein Bruder, mein bester Freund Eugene, der für mich Korrektur liest. Und dann hängt es davon ab, ob ich zu der Zeit mit jemandem zusammen bin. Diejenigen müssen sich viel anhören. Ich versuche, sie nicht zu sehr zu belästigen. Ich denke, meine Freundin hat wahrscheinlich die Nase voll davon (lacht). Beim ersten Buch waren allerdings ein paar mehr Leute involviert. Ich hatte eine Freundin, der ich das Buch im Grunde laut vorgelesen habe. Sie kam einfach rüber, wir haben Wein getrunken und ich habe es ihr laut vorgelesen. So fallen einem natürlich einige Unstimmigkeiten auf, oder worüber man lacht oder nicht. Aber, wow, man muss unglaublich geduldig sein, wenn man einem aufstrebenden Autor zuhört, der einem sein Buch vorliest. Also ja, das erste war mehr eine Gruppenarbeit. Beim zweiten hatte das Lektorat ein größeres Mitspracherecht. Ansonsten sind es hauptsächlich mein Bruder und mein bester Freund Eugene.

Sowohl in „Könige der Finsternis“ als auch in „Die schwarze Schar“ geht es um das Thema Ruhm, aber wir sehen auch eine Menge der Schattenseiten, die damit einhergehen, zum Beispiel Roses Umgang mit der Angst. Was hat dich dazu inspiriert, dieses Thema in den Büchern so stark in den Fokus zu stellen?

Wieder eine tolle Frage, danke! Roses Charakter wurde von den extravaganten Rockstars der 80er Jahre inspiriert, die ein fantastisch selbstzerstörerisches Leben führten. Sie kamen mit Erfolg, Ruhm und kreativer Erschöpfung auf die schlimmste Art und Weise zurecht, was zwar eine tolle Geschichte ergibt, aber für ihre Freunde und Familie wahrscheinlich ein Albtraum war. Daher waren Roses charakteristische Eigenschaft (ein alles verzehrender Hunger nach Ruhm) und ihre größte Schwäche (Sucht) nur natürlich, wenn man bedenkt, welche überdrehten Persönlichkeiten sie repräsentieren soll.

Was den Ruhm selbst angeht… Nun, auch Legenden können vergessen werden. Fragen wir heute einen Teenager, wer Robert Plant oder Rod Stewart ist, dann werden wir wahrscheinlich einen leeren Blick zurückbekommen. Ich dachte, es wäre interessant, besonders in „Könige der Finsternis“, eine Zeit zu erforschen, in der der Ruhm einer Band verblasst ist und wie lustig das sein kann. Abgesehen davon waren diese Rockstars nicht umsonst Legenden, und wenn man eine neue Generation mit der alten bekannt macht, ist es, als würde man die Glut des gestrigen Feuers anfachen – manchmal wird das Feuer wieder zum Leben erweckt.

Es gibt einige Theorien über Outlaw Empire, das dritte Buch der Reihe. Sie reichen von der möglichen Besetzung bis hin zu dem Song, den du während des Schreibens am häufigsten hörst. Kannst du uns einen Hinweis auf eines der beiden geben und wird Britney Spears als Ikone der 90er Jahre eine Rolle spielen?

Schockierenderweise könnte Britney eine Rolle spielen – oder auch nicht! Ich orientiere mich eher an den frühen 90er Jahren und an Musik, die ein Gefühl für die damalige Welt hervorruft. Es ist zwar nicht die einfachste Musik, zu der man schreiben kann, aber sie ist sehr inspirierend. Ich war in den 90ern ein Teenager, aber ich habe damals nicht viel auf Musik geachtet. Ich habe konsumiert, was Radio und Fernsehen mir vorsetzten, aber nicht tiefer gegraben als das. Jetzt entdecke ich einige wirklich unglaublich gute Alben, vor allem von Hip-Hop-Künstlern wie Nas, Mob Deep und dem Wu-Tang Clan. Illmatic (Nas‘ Debütalbum) wird von vielen als das beste Album aller Zeiten angesehen, und nachdem ich es im letzten Jahr intensiv gehört habe, kann ich dem nicht unbedingt widersprechen. Auch Grunge-Bands wie Nirvana und Pearl Jam, sowie politisch aufgeladene Musik wie Rage Against the Machine werden eine Rolle spielen.

Wenn ihr einen Vorgeschmack auf den „Soundtrack“ des Buches haben wollt, würde ich Janet Jacksons „Rhythm Nation“, Rage Against the Machine’s „Killing in the Name“ und Nas‘ „Take it in Blood“ vorschlagen.

Du dekonstruierst in deinen Büchern verschiedene Musikgenres, was eine tolle Idee ist. Hast du darüber nachgedacht, das auch mit anderen kulturellen Bereichen zu machen, z. B. mit Filmen?

Nun, es gibt auch in den Büchern viele Film- und Videospielreferenzen. Ich lasse mich sehr viel von Spielen wie Final Fantasy inspirieren. Vor allem in „Die schwarze Schar“ – es gibt einen Charakter namens Grudge the Turtle, der im Grunde direkt aus Final Fantasy entnommen ist; auch Dinge wie die Luftschiffe. Im Allgemeinen denke ich, dass „Die schwarze Schar“ ein bisschen mehr Filmreferenzen hat, ein „Dumm und Dümmer“-Zitat zum Beispiel. Natürlich ist es die Musik, die die Welt definiert, aber wenn ich schon Referenzen einbaue, kann ich auch gleich Filmreferenzen einbauen. Aber ich versuche, sie subtil genug zu machen, damit es nichts ausmacht, wenn jemand nichts über Musik der 70er weiß und „Könige der Finsternis“ liest. Meine Lektorin war, glaube ich, 25 zu der Zeit – sie hat keine der Anspielungen verstanden. In erster Linie sollte es daher als normale Geschichte funktionieren, aber wenn es dich dazu inspiriert, 70er-Jahre-Musik zu hören, ist das toll!

Findet sich der Fokus auf bestimmte Musik auch in dem Soundtrack wieder, zu dem du schreibst? Oder bevorzugst du etwas anderes, zum Beispiel Spiele- oder Filmsoundtracks?

Das ist ganz verschieden. Früher habe ich immer zu Videospiel-Soundtracks oder Film-Soundtracks geschrieben, zu einer dieser epischen Musik-Playlists auf YouTube, die 8 oder 10 Stunden lang laufen. Bei 70er-Jahre-Musik war es sehr einfach, dazu zu schreiben. Sie sind sehr lang und manchmal sagt minutenlang niemand ein einziges Wort. Die 80er-Jahre-Musik wurde für das Radio gemacht, also ist sie viel mehr nach dem Motto „Ich bin nur vier Minuten lang, du musst mir zuhören, solange ich da bin“ und das Gleiche gilt für die 90er-Musik. Es ist fast unmöglich, sie zu hören und zu schreiben. Bei „Die schwarze Schar“ bin ich auf Synthwave-Musik umgestiegen. Die hat dieses 80er-Jahre-Gefühl und es gibt sogar ein paar Songs auf der Spotify-Playlist für das Buch. Beim dritten Buch funktioniert Lofi ziemlich gut beim Schreiben, weil es einfach diese Art von Hip-Hop-Beat hat, aber nicht aufdringlich ist.

Was die Besetzung angeht, so spielt es etwa zwanzig Jahre nach dem ersten Buch, also wird man wahrscheinlich sehen, dass die Nachkommen dieser Charaktere eine große Rolle spielen. Außerdem ist einer der Hauptcharaktere tatsächlich als Kind in „Könige der Finsternis“ zu finden. Man findet ihn in dem Kapitel mit dem Titel „Alles, was glitzert“.

Was gefällt dir am besten daran, wenn Leser:innen mit deinen Büchern in Kontakt kommen?

Ich liebe es, Geschichten darüber zu hören, wie meine Bücher das Leben anderer Menschen auf positive Weise beeinflusst haben. Das war auch der Grund, warum ich mit dem Schreiben angefangen habe, in der Hoffnung, jemanden so zu beeinflussen, wie mein Lieblingsautor (Guy Gavriel Kay) mich beeinflusst hat. Wenn ich also Briefe bekomme, in denen mir jemand sagt, dass mein Buch jemanden dazu inspiriert hat, wieder zu lesen oder zu schreiben, oder dass es ihm geholfen hat, eine besonders schwierige Zeit in seinem Leben zu überstehen, ist das ungemein erfüllend.

Hast du schon geschrieben, bevor du die Absicht hattest, auf jemanden auf diese Art einzuwirken?

Als ich in der High School war, habe ich drei Kapitel einer Geschichte geschrieben und wurde dann von einem Lehrer dabei erwischt. Er/sie kannte zufällig diesen Typen, Ed Greenwood, der „Forgotten Realms“ geschaffen hat. Greenwood lebt tatsächlich in der Nähe von mir hier in Ontario. Die Lehrkraft schickte ihm meine Kapitel und er schrieb mir schließlich zurück: Er hatte diese drei Kapitel redigiert und abschließend noch etwas Nettes dazu gesagt. Ich ging danach noch auf die Theaterschule und hatte nicht vor, Schriftsteller zu werden, aber als ich gerade mit dem College fertig war und anfing, mehr Bücher von Guy Gavriel Kay zu lesen, habe ich ernsthaft darüber nachgedacht. Also ja, ich habe mich davor am Schreiben versucht, aber nicht wirklich ernsthaft.

Nachdem du nun zwei Bücher veröffentlicht hast und mitten in der Arbeit am dritten bist, glaubst du, dass du den Weg als Vollzeitautor weiter verfolgen willst?

Auf jeden Fall! Allerdings muss ich noch trainieren, was die Einhaltung von Deadlines angeht, aber solange ich die Möglichkeit habe zu schreiben, werde ich das auch tun. Es ist ziemlich erfüllend und der Lebensstil – den ganzen Tag in Jogginghosen – passt zu mir, denke ich. Aber eigentlich würde ich sehr gerne für Comics und und besonders Videospiele schreiben. Das habe ich in der Vergangenheit schon mal gemacht, aber nur für kurze Zeit. Es ist auch eine andere Form von Schreiben, da es viel mit Zusammenarbeit zu tun hat, aber ich denke, dass das eine Menge Spaß machen würde.

Für welche Studios würdest du gerne schreiben?

Prinzipiell alles, was mit RPG zu tun hat. Natürlich war BioWare früher das Maß aller Dinge, aber jetzt sind sie ein bisschen auf dem absteigenden Ast. Wir werden sehen, ob sie sich mit Dragon Age 4 und anderen Spielen erholen können. Vielleicht Naughty Dog oder Santa Monica Studios, die God of War gemacht haben. Es gibt einige großartige Studios da draußen. Auch gerne die, die kleinere Spiele gemacht haben, das würde mich nicht stören.

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich auf jeden Fall eine Ausbildung in diesem Bereich machen und früher damit anfangen und das Schreiben als Hobby behalten. Denn alles auf eine Karte zu setzen, war sehr riskant.

Wenn du eine deiner eigenen Figuren in eine andere Fantasy-Welt (Film oder Buch) versetzen könntest, wen würdest du wählen und wohin würde er oder sie gehen? (Und warum sollte es Moog als Radagasts Nachbar sein?)

Ha! Ich glaube, Moog und Radagast würden sich prächtig verstehen! Ehrlich gesagt denke ich, dass Moog in jeder Welt lustig wäre. Abgesehen davon würde ich mich für Ganelon entscheiden. Ich würde ihn gerne in etwas völlig Unpassendes wie „Stolz und Vorurteil“ oder „Star Trek“ stecken und sehen, wie er damit umgeht.

Um beim Thema Charaktere und deiner Liebe zu Videospielen zu bleiben – wenn du einen deiner Charaktere mit einem Spiel assoziieren müsstest, wen würdest du mit welchem Spiel assoziieren?

Hm, ich würde wahrscheinlich Ganelon in ein Spiel stecken wollen, einfach weil er wahrscheinlich Sachen kaputt machen würde und ziemlich lustig wäre, weil er ein sehr stoischer Charakter ist und nicht viel sagt, aber absolut brutal vorgeht.

Er würde ziemlich gut in Dragon Age: Inquisition funktionieren. Er und Bull wären bestimmt gute Freunde!

(lacht) Genau!

Ganz allgemein: Abgesehen davon, dass deine Bücher lustig und actionreich sind, zielst du auch darauf ab, eine diverse Besetzung zu haben. Was denkst du, wo steht die Fantasy – als Genre – in Bezug auf dieses Thema im Allgemeinen? Was würdest du persönlich gerne mehr in diesem Genre sehen?

Ich denke, wir bewegen uns in die richtige Richtung, wenn auch langsam. Wir sehen mehr und mehr Bücher von verschiedenen Autor:innen, die Charaktere, Kulturen und Schauplätze zeigen, die sich im Vergleich zur eurozentrischen Sichtweise der traditionellen Fantasy völlig neu anfühlen. Ich liebe das alles und kann es kaum erwarten, in den kommenden Jahren mehr davon zu lesen. Ich denke, unser Genre wird dadurch so viel reicher werden. Ich persönlich würde gerne Fantasy oder Sci-Fi sehen, die von indigenen kanadischen Autor:innen geschrieben wird.

Wenn man sich deinen Twitter- und Instagram-Feed anschaut, dann sieht man, dass du oft und gerne Bücher deiner Kolleg:innen teilst, empfiehlst und liest. Wie behältst du deine eigene Kreativität, während du dich gleichzeitig von den Büchern, die du liest, distanzierst, um selbst zu schreiben?

Ich habe definitiv von Leuten gehört, dass sie keine Fantasy lesen, wenn sie sie schreiben, aber das würde ich mir nicht antun. Ich könnte einfach nicht schreiben, wenn ich nicht auch lesen würde. Und ich denke, es ist irgendwie wichtig – für mich zumindest – moderne Bücher zu lesen, weil sie einem nicht aufzeigen, gegen wen man antritt, sondern was man alles tun kann. Zum Beispiel „Ich bin Gideon“ (von Tamsyn Muir) – die Geschichte war für mich ziemlich durcheinander, aber der Schreibstil in diesem Buch ist phänomenal. Es erinnert mich daran, dass dieses Buch mit seinen lustigen, geistreichen und popkulturellen Anspielungen da draußen ist und es einfach so gut funktioniert! Also, ja, ich denke, es ist wichtig, dass man weiterhin moderne Sachen liest, zumindest für mich.

Was das Teilen der Arbeit anderer Autor:innen angeht, da ist es so, dass a) sie das auch für mich tun würden und b) ich, bis ich selbst veröffentlichte, keine Ahnung hatte und dachte, dass jede:r Autor:in, der/die ein Buch im Regal stehen hat, ein:e Vollzeitautor:in ist. Und jetzt ist mir klar, dass es nur etwa 5 % von ihnen sind und der Rest Techniker:innen oder Anwält:innen sind. Nur wenige Leute sind in der Lage, von ihren Büchern zu leben. Besonders in diesen Tagen, mit der Pandemie, werden so viele Bücher übersehen – diese Bücher kommen raus und fallen einfach ins Nichts. Also versuche ich mein Bestes zu tun, um so viele Autor:innen wie möglich zu fördern. Es gibt auch eine Menge Leute, die keine Reihen mehr lesen wollen, weil sie sich schon ein paar Mal die Finger verbrannt haben. Sie wollen sie nicht lesen, bis sie fertig sind. Das kann Autor:innen wirklich schaden. Ich kenne ein paar Leute, deren Reihen deswegen auf halbem Weg abgebrochen wurden. Deshalb mache ich gerne so viel Werbung wie möglich, denn eine steigende Flut hebt alle Schiffe, wie man so schön sagt.

Das ist eine sehr positive Einstellung, zu sagen, dass man die Bücher anderer Autor:innen liest, um zu sehen, was man tun kann, anstatt neidisch oder gar eifersüchtig darauf zu sein. Glaubst du, dass die Welt der Literatur – im Allgemeinen – mehr von diesem gegenseitigen Hochheben braucht?

Nun, von dem, was ich gesehen habe, hat sie eine absolute Menge davon. Die Autor:innengemeinschaft ist so, so unterstützend und ich habe so viele liebe Freund:innen kennengelernt. Ich bin in einer Chatgruppe mit Leuten, mit denen man über alles reden kann, was im Leben so passiert. Es gibt Leute, von denen man vorher noch nicht einmal gehört hat, und ich habe sie in dieser Gruppe kennengelernt. Sie unterstützen sich gegenseitig ungemein. Und sogar Leute, die zufällig in meiner Nähe wohnen, zum Beispiel Kevin Hearne (Autor der Chroniken der Eisernen Druiden-Reihe), und er sagte: „Ich fahre durch deine Stadt, willst du ein Bier trinken gehen?“ und ich sagte: „Ja!“ und jetzt schreiben wir hin und her und tauschen uns über Hockeyspiele aus! Also ja, sie waren alle sehr aufbauend, hilfsbereit und waren immer bereit, mir zu helfen oder etwas zu retweeten. Es war absolut unglaublich. Und ich denke, Schriftsteller:innen, besonders Fantasy-Autor:innen, sind sehr einfühlsame Menschen. Wir teilen die Liebe zu Videospielen und Büchern und solchen Dingen, das hilft.

Wenn du drei deiner Charaktere jeweils eine Whiskey-Marke zuordnen müsstest, wen und welche würdest du wählen? Und warum?

Geben wir Clay Cooper einen guten kanadischen Whiskey wie Lot 40, der zwar nicht sonderlich populär, aber sehr, sehr gut ist. Jack Daniel’s für Ganelon, ohne Zweifel. Er ist schließlich ein Südstaatler. Und für Matrick… eine dieser Marken wie Wild Turkey, die mit etwas Würzigem und Scharfem versetzt ist. Sein Gaumen ist nicht das, was man als raffiniert bezeichnen würde.

Kings of the Wyld – Deutsch: Könige der Finsternis (Band 1)

Das Foreshadowing in deinen Büchern ist exquisit! Jedes Mal, wenn man zurückgeht und sie erneut liest, entdeckt man etwas anderes, das schon lange vorher angedeutet wurde. Wie planst du im Voraus? Hattest du schon vor dem Schreiben der Bücher genaue Pläne? Und weißt du schon, was nach „Outlaw Empire“ kommen könnte?

In Bezug auf die Reihe bin ich mir noch nicht sicher, ob nach „Outlaw Empire“ noch etwas kommt, was die Timeline betrifft. Was die Jahrzehnte angeht, die durch ihre Musik definiert werden, geht es nur so weit. Als das Internet aufkam, explodierte die Musik einfach. Jeder konnte seine eigene Nische finden und wir waren nicht mehr auf die gleiche Quelle angewiesen. Sogar bis in die 90er Jahre hinein teilten wir alle eine musikalische Erfahrung, aber als das Internet aufkam, ging jeder seinen eigenen Weg. Es wäre also ziemlich schwer, etwas zu schreiben, das die 2000er Jahre auf den Punkt bringt. Außerdem hat sich die Welt einfach so drastisch verändert: Im dritten Buch ist sie nicht mehr so wie im zweiten Buch oder sogar im ersten Buch. Es gäbe sicher die eine oder andere Idee, die ich verfolgen könnte, aber es wäre schwer, sie auf Musik aufzubauen. Aber es gibt auch die Möglichkeit, zurückzugehen und vielleicht die Geschichte von Saga zu erzählen, als sie jünger waren oder wie Fable zusammenkam.

Was die Frage angeht, ob ich vorausgeplant habe oder nicht: Das habe ich definitiv nicht. Ich habe „Könige der Finsternis“ als eigenständige Geschichte geschrieben, ohne die Absicht, etwas danach zu schreiben. Als mein Agent wollte, dass ich eine Trilogie schreibe, sagte ich: „Das werde ich, aber es kann nicht mit denselben Charakteren geschehen“, denn der ganze Sinn von „Könige der Finsternis“ ist, dass es ihr letzter Tritt in den Hintern ist. Es würde das erste Buch untergraben, wenn man es danach einfach immer wieder machen würde. Das war jedoch nicht so, bis ich die letzten Überarbeitungen an „Könige der Finsternis“ gemacht habe, als ich 50.000 Wörter hinzugefügt habe: Ich habe Lastleaf als Charakter in das Buch eingefügt und seine Geschichte ist der Ausgangspunkt für das gesamte zweite und dritte Buch. Selbst als ich mit „Die dunkle Schar“ angefangen habe, wurde es ganz anders, als es endete. Aber das dritte Buch ist so gut wie in Stein gemeißelt.

Worauf können sich die Leser:innen in „Outlaw Empire“ freuen?

Hm, ich würde sagen – nur weil ich so viele E-Mails über ihn bekomme – Ganelon. Er wird im dritten Buch zurückkehren. Aber abgesehen davon trifft man auch die Charaktere aus dem ersten Buch ein letztes Mal, wenn sie auftauchen. Im Grunde genommen ist es ein Abschied von allen. Denn wenn ich ein weiteres Buch schreibe, wird es wahrscheinlich mit keinem dieser Figuren zu tun haben.

Und zu guter Letzt: Beschreibe den aktuellen Stand des „Outlaw Empire“ Manuskripts in zwei oder drei Adjektiven.

Nun, ich hoffe, dass ich bis zur Veröffentlichung dieses Interviews bessere Worte habe, aber im Moment fürchte ich, dass „klein“ und „kurz“ es nur zu gut beschreiben! Was ist ein Adjektiv, das „voller Potenzial“ vermittelt? Denn das würde auch funktionieren!

Über den Autor: Nicholas Eames ist ein kanadischer Autor, der 2017 sein Debüt, „Könige der Finsternis“, veröffentlichte. Seine Bücher zeichnen sich durch eine einzigartige Mischung aus fantastischen Elementen, Humor und Emotionen aus. Er ist ein bekennender Whiskey-Liebhaber und ein Fan diverser Videospiele. „Outlaw Empire“ wird das dritte und letzte Buch seiner The Band-Reihe sein. Mehr über Nicholas Eames erfahrt ihr auf Twitter, Instagram und seiner Website.

2 thoughts on “„Bücher zeigen uns, was wir erreichen können!“ – Interview mit Autor Nicholas Eames

  1. Tabi, das ist ein wahnsinnig tolles Interview! Mensch, du musst dich ja riesig gefreut haben, dass das geklappt hat!
    Nachdem du ja so begeistert von diesen Büchern erzählt hast, als wir vor langer, langer Zeit zusammen in Mainz unterwegs waren, habe ich mir das Hörbuch angeschafft, aber es ist einfach noch nicht so richtig meins. Das habe ich oft mit Hörbüchern, vielleicht wage ich mich also doch mal ans Buch. Spätestens, nachdem ich das hier gelesen habe, hab ich wieder Lust darauf. Der Autor ist jedenfalls sehr sympathisch!

    1. Vielen lieben Dank!! Ich freue mich sehr, dass du dem Buch nochmal eine Chance geben willst, denn es ist eigentlich fast genauso wie Nicholas Eames selbst! :D
      Sag mir auf jeden Fall, wie es mit „Kings of the Wyld“ und dir weitergeht <3

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