Hey, NA?! Mit Rebekka Weiler

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Aus den deutschen Buchhandlungen sind sie aktuell nicht mehr wegzudenken. Sie sind bunt, oft pastellig, versprechen Drama, Liebe und vor allem Protagonist:innen im jungen Erwachsenenalter – New Adult Liebesromane. In den letzten Jahren haben sie Regale, Tische und Leser:innen für sich eingenommen und dabei nicht nur amerikanischen oder englischen, sondern auch immer mehr jungen, deutschen Autor:innen die Türen geöffnet. Trotzdem halten sich gegenüber dem Genre, das eigentlich gar keins ist, hartnäckige Vorurteile: Es gehe nur um Sex, ein Buch gleiche dem anderen und von einem richtigen Plot kann in zumeist Liebesromanen doch sowieso nicht die Rede sein.

In der Beitragsreihe „Hey, NA?“ will ich den Stärken, Schwächen, den Vorurteilen und dem Potenzial von NA Liebesromanen mit der Hilfe von Autor:innen auf den Grund gehen.

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Im zweiten Interview der Reihe spreche ich mit der Autorin Rebekka Weiler. Rebekka hat unter dem Pseudonym Rebekka Wedekind im November 2019 im feelings Verlag ihr Debüt „Keeping Faith“ veröffentlicht, der Auftakt einer New Adult Reihe. Nach Abschluss der Trilogie im letzten Jahr erscheint mit „Catch My Fall“ am 21. Januar 2021 im Carlsen Verlag ihr viertes Buch – eine New Adult Romanze auf der kompetitiven Bühne des College-Eishockeys. In unserem Interview erzählt mir die in der Nähe von Ulm lebende Autorin etwas über Zeit, (mentale) Gesundheit und was ihr persönlich in der Darstellung von Krankheiten in Büchern fehlt.

Gleich zu Anfang: Wie würdest du NA in einem Satz für dich persönlich definieren?

Unter NA verstehe ich alle Liebesgeschichten mit Protagonist:innen zwischen 18 und 30, die auf der Suche nach sich selbst sind. Ich weiß, dass oft die Grenze schon bei 25 gezogen wird, aber das ist mir persönlich zu eng gefasst. Denn nur, weil jemand 25 ist, ist die Suche nach sich selbst ja nicht schlagartig vorbei.

Welches Thema liegt dir besonders am Herzen, ist aber deiner Meinung nach vollkommen unterrepräsentiert?

Der realistische Umgang mit Krankheiten. In sehr vielen Büchern werden die unterschiedlichsten Krankheiten aufgegriffen, aber oftmals eben nicht wirklichkeitsnah. Ich muss aber zugeben, dass ich diesbezüglich eine verdammt kritische Leserin bin. Und weil ich diesen Anspruch habe, versuche ich daher auch, es in meinen eigenen Geschichten „richtig“ zu machen.

Kannst du dazu ins Detail gehen? Was stört dich an der Darstellung, was würdest du dir dahingehend wünschen?

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Krankheiten sind oft sehr oberflächlich recherchiert oder dargestellt – es funktioniert nicht, dass Leute zwei Jahre im Koma liegen, aufwachen und einfach losreden. Das regt mich persönlich sehr auf, weil solche Informationen ganz einfach bei Google zu finden sind. Den Einsatz sollte ich, meiner Meinung nach, als Autorin bringen. Nicht nur die Faktenlage stört mich da, sondern auch wie mit den Emotionen im Bezug auf Krankheiten umgegangen wird. Mir fehlt die Sensibiliät und das Fingerspitzengefühl. Es ist gut, dass schwere Themen wie eine Vergewaltigung thematisiert werden und auch vorkommen, aber dann sollte auch sensibel damit umgegangen werden.

Für was sollen deine eigenen Bücher die Leute – im Idealfall – da sensibilisieren?

Depressionen, Trauer, Mental Health. Ich kenne einfach viele, bei denen man niemals denken würde, dass sie betroffen sind. Durch meine Geschichten sollen die Menschen verstehen, dass es für manche Dinge, wie z.B. Trauer,  kein Ablaufdatum gibt oder dass es bei Depressionen schlechte und gute Phasen gibt. Dasselbe gilt auch für Panikattacken – die können sich ganz individuell und verschieden anfühlen. Es muss einfach sehr viel mehr über Mental Health gesprochen werden, damit auch junge Menschen sich trauen, sich Hilfe zu holen. Es ist nicht gesund, dass man sich wochenlang isoliert oder schlecht fühlt. 

Wie sehr nimmt dich der Schreibprozess von solchen Büchern mit?

Unterschiedlich. Bei „Saving Grace“ habe ich eine Sache eingebaut, bei der meine Gefühlslage der der Protagonistin Grace entsprach. Das hat dann funktioniert, zumindest mit ein bisschen Abstand. Es war aber wahnsinnig schwierig, weil es sehr lange gedauert hat, die Kapitel zu schreiben. Ich habe über jeden Satz sehr genau nachgedacht und habe dafür wirklich tagelang gebraucht, bis ich zufrieden war. Dabei habe ich es tatsächlich geschafft, mir einen Kloß in den Hals zu schreiben. Ich bin niemand, der bei den eigenen Büchern heult, aber wenn ich selbst einen Kloß im Hals habe, dann weiß ich, dass es passt. Bei dem neuesten Buch, über das ich erst im Laufe des Jahres sprechen kann, war das ganz anders: Einfach runtergeschrieben, hinterher daran feilen. Ich habe damit auch meine eigenen Gefühle verarbeitet und das hatte tatsächlich eine gewisse therapeutische Wirkung.

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Schätzfrage: Wie viele Storys hast du begonnen, bis du die erste beendet hast?

Das ist leicht. Direkt meine erste Geschichte, die ich als 12-Jährige angefangen habe. Ich hab sie sogar noch. Sie war nicht gut, aber sie ist beendet. Kurz danach bin ich in der Welt der Fanfictions gelandet. Dort haben die Leser:innen mir nach jedem Abschnitt/Kapitel direkt Feedback dagelassen und das hat natürlich gepusht, die Geschichten auch zu beenden. Ich wollte die Leute einfach nicht hängen lassen. Insgesamt gibt es nur wenige Geschichten, die ich nicht beendet habe.

Du hast 2020 sehr viel geschrieben und auch veröffentlicht – wie bleibst du kreativ, trotz Deadline?

Mit den Veröffentlichungen war es im letzten Jahr durch die Deadlines ein ganz anderes Schreiben. Da musste es einfach laufen. Daher bleibe ich kreativ, indem ich mir für solche Situationen bewusst frei nehme. Ich wusste aber, was ich schreiben will und muss, der Film im Kopf war ja da. Nach drei Storys, die ich über das Jahr verteilt geschrieben habe, habe ich allerdings gemerkt, dass ich eine Pause brauchte. Drei ganze Bücher sind in so einer relativ kurzen Zeit schon viel, da ich ja auch nicht hauptberuflich Autorin bin. In den letzten Tagen des alten Jahres habe ich aber auch gemerkt, dass es langsam wieder losgehen kann.

Du sagst, dass drei Bücher im Jahr schon sehr viel sind. Die Bände von New Adult Trilogien erscheinen aber derzeit oft in sehr kurzen Abständen zueinander. Denkst du, dass es zu schnell geht?

Ich denke, es würde den Storys schon guttun, wenn sie ein bisschen mehr Zeit hätten. Alle 6 Monate wäre da meiner Meinung nach ein guter Turnus. Natürlich geht es bei einer schnellen Veröffentlichung als Autor oder Autorin darum, dass man Geld verdient. Gerade weil ja nicht regelmäßig am Ende des Monats das Geld reinkommt. Daher muss man frühzeitig planen und ich denke, dass das der Hauptgrund für das schnelle Arbeiten ist. Für die Verlage ist es eben auch ein wirtschaftlicher Faktor, besonders wenn ein bekannter Name (aus der Buchbubble) dahintersteht. Außerdem ist es für Leser:innen auch wichtig, dass die Folgebände schnell kommen, damit man sich daran erinnern kann, was im Band davor passiert ist. Wenn Leser:innen – bei dieser Masse an Büchern, die es aktuell nun mal einfach gibt – nicht sofort den nächsten Band bekommen, dann orientieren sie sich um.

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Ähneln sich NA Bücher denn so stark, dass sie quasi austauschbar sind?

In Amerika ist NA schon seit 10 Jahren auf dem Vormarsch. 2016 hat das dann mit Mona Kasten in Deutschland erst so richtig angefangen. Der deutsche Markt hat das in den letzten Jahren dann alles sehr stark aufgesogen und die Leute sind mit den klassischen College Storys mittlerweile einfach übersättigt. Es sollte langsam aber ein bisschen mehr im Genre experimentiert werden – sei es zum Beispiel beim Thema Diversity, da sind wir noch sehr zurück, auch wenn Verlage wie LYX, Knaur und Heyne ja schon gut dabei sind. Der Versuch, auch inhaltlich etwas zu verändern, kam im letzten Jahr vor allem durch Ideen wie Sports Romance. Oder dass man das Setting College verändert und auch beim Alter variiert. Auch die Wahl der Studienfächer sollte variiert werden, die Literaturstudentin mit dem Nebenjob im Café möchte glaube ich keiner mehr sehen.

Du bist selbst Teil dieser Masse – wie ist deine Selbstwahrnehmung? Versuchst du dich aktiv davon abzuheben? 

Die Masse bedeutet ja nicht gleichzeitig, dass alles gleich ist. Es heißt nur, dass es viele verschiedene Bücher gibt und, im Idealfall, für jeden etwas. Natürlich schwimme ich da mit. Aber trotzdem versuche ich in meine Bücher etwas einzubauen, was es vielleicht noch nicht so oft gab. Ich versuche auch Themen aufzugreifen, die mir wichtig sind und etwas, das vielleicht einen Beitrag leisten kann, um den Horizont von jemandem zu erweitern, quasi Aufklärungsarbeit, aber ohne den erhobenen Zeigefinger. Auch wenn es ein hochgestecktes Ziel ist, dass Leser:innen etwas daraus mitnehmen können. Ich versuche zudem mein Alleinstellungsmerkmal über einen angenehmen Schreibstil zu generieren, oder auch darüber, Hinweise zu legen, die jemand, der sich im Thema auskennt, wahrscheinlich sieht. Beim ersten Lesen überrascht werden, beim zweiten Lesen die Spuren sehen und vielleicht etwas daraus ziehen können – das wäre ideal.

Mit welchem Vorurteil über NA würdest du als erstes aufräumen oder tust es in deinen Büchern vielleicht sogar schon?

Dass NA-Bücher voller Klischee und ohne Tiefe sind. Sind sie nicht. Im Gegenteil. Sie bilden ziemlich oft einfach die Lebenswelt von jungen Menschen ab. Und da deren Welt nicht immer rosarot ist, muss es die in den Büchern auch nicht sein. Abgesehen davon sind Menschen nicht perfekt, also erwarte ich das auch nicht von den Figuren.

Rebekka Weiler Bücher

NA hat in den letzten Jahren einen riesigen Aufschwung erlebt. Was, glaubst du, spricht die Leser:innen an NA besonders an?

Zum einen glaube ich, dass die Leser:innen darin ihre Lebenswelt abgebildet sehen. Themen, die die Leser:innen auch selbst beschäftigen. Bücher können trösten und miteinander verbinden. Man fühlt sich weniger allein und kann sich mit den Protagonist:innen identifizieren. Und gleichzeitig stellen Romane über die eigene Lebenswelt auch eine Art Flucht dar. Raus aus dem Alltag, ab ins Wohlfühlbuch. Nicht umsonst bezeichnen so viele Leser:innen ihre Lieblingsromane als Herzensbuch oder absolute Wohlfühlgeschichte.

Im ersten Entwurf bestehen Bücher auch immer aus Füllwörtern. Welche sind die, die du bei dir am meisten aussieben musst? Welche Phrase, die in Büchern öfter mal vorkommt, kannst du selbst nicht mehr hören/lesen?

Bei mir variiert das von Buch zu Buch. Ich benutze gerne das Verb »grinsen«, aber auch Satzverbindungswörter wie »ehe«, »als«, »doch«, »aber« usw. Inzwischen gehe ich am Ende jedes Manuskript genau auf diese Wörter noch einmal durch und lösche oder schreibe diese Sätze um. Oft fallen mir meine neuen Lieblingswörter gar nicht selbst auf, aber eine gute Lektorin findet die und malt sie mir dann netterweise an.

Was ist deiner Meinung nach the most underrated und the most overrated book, auch abseits von NA? Warum?

Im deutschsprachigen Raum würde ich “Was, wenn wir fliegen” von Kim Nina Ocker als most underrated NA-Buch wählen. Es kennt kaum jemand, weil es “nur” als E-Book und Print on demand erschien, aber ich habe die Geschichte von Sophie und Bo und ihrem Zirkus so so so so gerne gelesen. Kim schreibt unglaublich toll. Flüssig und lebhaft und auf eine Art und Weise, die mich nur so durch die Seiten fliegen lässt.

Kannst du schon etwas über deine nächsten Projekte und deine Ziele für 2021 verraten?

Ich beginne 2021 mit dem Release meines 4. Buches. »Catch My Fall« ist eine Eishockeygeschichte, die am 21. Januar als E-Book beim Impress Verlag der Carlsen-Gruppe erscheint. Im Februar folgt direkt das Taschenbuch.
Danach wird es nach außen hin erstmal still um mich, weil ich über alles, was danach kommt, momentan noch Stillschweigen bewahren muss. Aber so viel sei verraten: Es wird weitergehen mit mir und den Büchern. Und es wird groß und toll und ein Lebenstraum wird sich damit für mich erfüllen.

Wie sieht deine Schreib-Routine aus?

Eine wirkliche Routine hab ich nicht, weil ich nicht hauptberuflich Autorin bin. In Zeiten mit Deadline schreibe ich natürlich mehr, vor allem am Wochenende. In Zeiten ohne Deadline schreibe ich immer nur dann, wenn ich Lust drauf habe. Grundsätzlich bin ich eine Urlaubsschreiberin, da mein Hauptjob natürlich nicht vernachlässigt werden darf.
Wenn ich dann mal schreibe, hängt es von meiner Stimmung bzw. der Szene, die ich schreibe, ab, was ich dazu brauche. Manchmal höre ich Musik, manchmal brauche ich absolute Stille. Was aber nie fehlen darf, ist ein Glas Wasser, sonst vergesse ich das Trinken, wenn ich im Flow bin.

Und zum Schluss ein kleines, kreatives Experiment: Vervollständige den folgenden Satz und mach daraus in einem oder zwei Absätzen den Auftakt eines NA Buches:

Als ich den Scherbenhaufen vor mir liegen sah, empfand ich alles, außer…

…Angst. Ich hatte keine Ahnung, wann es passiert war, aber irgendwann in den letzten Minuten hatte ich sie verloren. Sie war in genauso viele Einzelteile zerbrochen wie das kaputte Glas auf dem Boden, und ich hatte begriffen, dass ich es nie schaffen würde, ihn zu ändern.

»Räum das weg«, fuhr Dad mich harsch an. So, wie er das immer tat, wenn er in einem Wutanfall das ganze Geschirr vom Tisch gefegt hatte. Normalerweise kuschte ich, kniete mich auf die kalten Fliesen und begann schweigend, Scherbe für Scherbe einzusammeln. Viel zu oft hatte ich mich dabei geschnitten oder mir die Strumpfhose kaputt gemacht und dabei stumme Tränen geweint.

Doch damit war jetzt Schluss. Ich hatte genug.

»Nein.«

»Nein?«, wiederholte Dad ungläubig, und ich sah die Ader an seiner Schläfe pochen. Mir war klar, was das bedeutete. Was es immer bedeutete. Ich hatte noch fünf Sekunden. Vielleicht auch nur drei.

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