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[Rezension] Neulich im Discounter

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Seiten: 240
Preis: 9,99 €, Taschenbuch
ISBN: 9783862655335
Erscheinungsdatum: 01.03.2016
Bewertung:

Der Autor Christian Klein erzählt in seinem Buch Neulich im Discounter vom Arbeitsalltag eines Verkäufers im Lebensmitteleinzelhandel und bot mir den Titel als Rezensionsexemplar an. Ich liebe Kundengeschichten, vor allem da ich ja selbst einige Zeit auf der Verkäuferseite stand und dazu auch einige verrückte Begegnungen aufgeschrieben habe.

Der Verlag betitelt das Buch als „​frech, authentisch und zum Brüllen komisch“. Frech: auf jeden Fall. Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund und scheint immer die passende Entgegnung zu blöden Fragen und Wünschen zu haben. Authentisch? Wer weiß. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Geschichten allesamt einen wahren Kern haben, verrückte Menschen gibt es schließlich genug. Aber ob sich alle Erzählungen wirklich so abgespielt haben, wage ich zu bezweifeln, vor allem wenn die Erzählung nicht schlüssig ist und z. B. mittendrin das Geschlecht des Chefs wechselt.

Bei den krassen Sprüchen des Autors ist mir nicht nur einmal die Spucke weggeblieben. Auch mir sind in meiner Buchhandelszeit des öfteren Kommentare rausgerutscht, die nichts mehr mit Kundenservice zu tun hatten und die ich mir besser hätte verkneifen sollen. Deswegen habe ich vollstes Verständnis, wenn ein Verkäufer auf blöde Fragen blöde Antworten gibt, weil er nach ein paar Monaten Alltagswahnsinn gefrustet ist. Aber nee, Moment, er fängt damit ja gleich auf der ersten Seite an, am ersten Arbeitstag. Frustration kann das also noch nicht sein. Und er macht vor nichts halt, seine Vorgesetzten und Kollegen bekommen genauso ihr Fett weg wie die Kunden. Ist das authentisch oder eher im Reich der Fantasie angesiedelt, so nach dem Motto „Wäre mir das in dem Moment eingefallen, so hätte die Geschichte weitergehen können“? Ich hoffe auf letzteres, denn sollte alles in diesem Buch der Wahrheit entsprechen, würde ich gerne mal die Geschäftsleitung des Discounters fragen, wieso man so einen Verkäufer nicht innerhalb der Probezeit aus dem Geschäft entfernt hat.

Ist das Buch zum Brüllen komisch? Nein. Ja, es gibt ein paar Geschichten, die einen an der Menschheit zweifeln lassen und die wirklich richtig absurd sind. Auch ein paar Schmunzler sind dabei und ein paar Situationen, in denen die rotzigen Antworten des Verkäufers mehr als gerechtfertigt sind und man gerne applaudieren möchte. Aber dies wird dann leider schnell wieder zunichte gemacht, wenn Verkäufer und Chef gemeinsam eine Kundin wegen ihrer Körperfülle lächerlich machen. Auf so etwas sollte man einfach nicht stolz sein.

Fazit: kann man lesen, muss man aber nicht. Es gibt definitiv bessere Titel dieser Art. Z. B. Tüte oder so was oder online Buchhändlerwelt und -wahnsinn und Kunden aus der Hölle.


Haubold, Christina: Payoff

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Seiten: 224
Preis: 9,99 €, Taschenbuch
ISBN: 9783862650880
Erscheinungsdatum: 01.11.2011
Bewertung:

Sabine ist Moderatorin der erfolgreichen Morningshow eines Privatradios. Der Star der Sendung ist aber ihr Co-Moderator Klaus, der eigentlich Andreas heißt – aber Andreas war nicht geil genug. Sagt jedenfalls der Radioberater, den Sabine „Frettchen“ getauft hat und der in Besprechungen ständig wie ein Flummi durch die Gegend hüpft und nicht mehr beizusteuern hat als „Geil ist das!“

Eigentlich will Sabine ja lieber ins Fernsehen, aber man kann schließlich nicht alles haben. Und so teilt Sabine den ungeschminkten Alltag eines Radiomoderators mit dem Leser. Das geht von getürkten Gewinnspielen bis hin zu Weihnachtsfeiern, bei denen Sabine eröffnet wird, dass sie sich umgehend einer Brustoperation unterziehen muss, weil die Zuhörer große Brüste bevorzugen. Und über alledem schwebt das Damoklesschwert namens „Payoff“. Auf der einen Seite bezeichnet dieser Begriff die Gewinnausschüttung eines Gewinnspiels, die sorgsam geplant sein will. Auf der anderen Seite erwartet der Sender jedes Jahr seinen ganz persönlichen Payoff in Gestalt der Veröffentlichung der Marktanteile der Radiosender.

Für ihren Debütroman hat die Autorin Christina Haubold ein Gebiet gewählt, in dem sie sich bestens auskennt: die Radiolandschaft. Ich hatte beim Lesen unwillkürlich die Morgenshow meines Lieblingsradiosenders im Kopf und kann nur hoffen, dass die im Buch beschriebenen Zustände nicht der Wahrheit entsprechen, denn dann möchte ich kein Radio mehr hören. Sabine und Klaus sind zwar die Moderatoren der Show, sind im Grunde genommen aber nur Vorleser, denn die Redaktion schreibt bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Drehbücher für jede Sendung, von denen die zwei nicht abweichen dürfen. Klaus ist damit vollkommen zufrieden. Es scheint sowieso, als würde er sein Gehirn zuhause weiterschlafen lassen, statt es mitzunehmen. Wahrscheinlich ist es so beabsichtigt, aber ich konnte für keiner der Figuren wirkliche Sympathien aufbringen. Sabine kommt einer Identifikationsfigur schon am nächsten, hat mich aber auch nicht großartig berührt.

Payoff bietet einen interessanten und verrückten Einblick in das Radiogeschäft. Ich kann leider nicht beurteilen, wie viel davon der Wahrheit entspricht, ich befürchte aber, dass hier nur ein wenig übertrieben wurde. Ich möchte jedenfalls nicht mit Sabine (und Sabines gigantischen Augenringen) tauschen.


Neder, Christine: 90 Nächte, 90 Betten

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Seiten: 240
Preis: 14,95 €, Hardcover
ISBN: 9783862650361
Erscheinungsdatum: April 2011
Bewertung:

Christine Neder wohnte in München, als sie einen Praktikumsplatz in Berlin bekam. Weil sie keine Lust hatte sich eine Wohnung zu suchen kündigte sie ihren Freunden an, sich drei Monate lang durch die Betten der Hauptstadt zu schlafen. Was wie ein Scherz klingt hat sie tatsächlich in die Tat umgesetzt. 90 Tage lang hat sie (fast) jede Nacht in einer anderen Unterkunft geschlafen und dabei jede Menge Leute kennengelernt. Diese verrückte Zeit hat sie erst schriftlich auf ihrem Blog und in ihrer Spiegel Kolumne festgehalten und jetzt als Buch publiziert. In 90 Nächte, 90 Betten sind alle 90 Übernachtungen inklusive der dazugehörigen Couchsurfer und Facebooker vereint.
Jedem Tag wird ein kleines Kapitel mit Foto aus der jeweiligen Wohnung gewidmet. Die Berichte konzentrieren sich dabei immer auf einen oder mehrere Aspekte der Übernachtung, sodass es keine langweiligen Ablaufbeschreibungen werden.

Natürlich habe ich letztes Jahr überhaupt nichts von Christine Neder mitbekommen, weil ich Spiegel Online nicht lese. Stattdessen habe ich in einem Lokalblättchen von ihrem Buch erfahren und es mir direkt danach bestellt. Couchsurfing, das hatte ich schon mal gehört, doch nie richtig wahrgenommen. Aber jemand, der 90 Tage lang auf fremden Sofas übernachtet – das klang so spannend. Es gibt nur wenige Sachbücher, die mein Interesse wecken können, dieses hier gehört definitiv dazu. Die Autorin zitiert in ihrem Buch auch mehrere Blog- und Kolumnenkommentare, die ihr Vorhaben anzweifeln und sie für verrückt erklären. Ich hätte mich zwar nicht so drastisch ausgedrückt, aber auch meine Zweifel gehabt. Dass Christine die 90 Tage unbeschadet überstanden hat zeigt, dass die Welt doch nicht ganz so böse ist, wie man denkt. Und macht mir Mut, Couchsurfing irgendwann selbst mal zu testen.

Christine betont im Buch übrigens, dass es sich bei Couchsurfing definitiv nicht um eine erotische Angelegenheit handelt, sondern es nur ums Übernachten und sich kennen lernen geht. Und wo steht das Buch bei uns? Natürlich in der Erotik ;-)

Eine unterhaltsame Reise durch die Viertel und Betten Berlins, die Lust darauf macht, Couchsurfing selbst einmal auszuprobieren!