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[Rezension] Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt

Originaltitel:
Everything, Everything
Autor:

Verlag:

Themen:
, ,
Reihe:
-
Seiten: 336
Preis: 16,99 €, Hardcover
ISBN: 9783791525402
Erscheinungsdatum: 17.09.2015
Bewertung:

Die Handlung

Die 18-jährige Maddy hat ihr ganzes Leben lang in ein und demselben Haus verbracht, die Welt draußen kennt sie nicht. Maddy leidet an einem seltenen Immundefekt und muss so gut wie möglich vor Keimen geschützt werden. Sie hat sich mit dieser Tatsache arrangiert – bis nebenan neue Nachbarn einziehen und sie Olly kennenlernt. Er weckt in ihr die Sehnsucht nach dem normalen Leben, das sie niemals haben kann. Dafür ist Maddy sogar bereit, ihre Gesundheit zu riskieren.

Das war gut

Ich bin geradezu durch die Seiten geflogen. Die Autorin versteht es hervorragend, Maddys eigentlich tragische Geschichte mit einer Leichtigkeit zu erzählen, dass man unbedingt „nur noch die nächste“ Seite lesen möchte. Und noch eine. Und noch eine. Maddys Zeichnungen und ausgefüllten Formulare lockern das Buch zusätzlich auf.

Die Nebengeschichte um Ollys Familie fand ich beinahe noch interessanter als den Hauptplot um Maddy. Als Leser bekommt man nur Ausschnitte daraus mit, wenn Maddy und Olly sich unterhalten oder Maddy das Nachbarhaus vom Fenster aus beobachtet. Ollys Vater neigt zu Wutausbrüchen und sein Sohn fühlt sich hilflos. Das macht den ansonsten natürlich perfekten Jungen für den Leser menschlicher.

Das hat mir nicht gefallen

Als wir Maddy kennenlernen, hat sie schon 18 Jahre Isolation hinter sich. Ihre einzigen Bezugspersonen sind ihre Mutter und ihre Pflegerin Carla, nur ganz selten darf einer ihrer Online-Lehrer persönlich vorbeikommen. Körperkontakt mit den seltenen Gästen ist verboten. Hier hätte die Autorin noch mehr darauf eingehen können, wie sich dieses besondere soziale Umfeld auf Maddys Entwicklung ausgewirkt hat. Hat sie einen Therapeuten, um damit klarzukommen? Warum ist es in Ordnung, dass Maddy ihrer Mutter und Pflegerin berührt, aber ihren Lehrer nicht, auch wenn dieser komplett gecheckt wurde und nur durch eine Luftschleuse ins Haus gelangen kann?

Der Fokus lag mir zu stark auf Maddys Beziehung zu Olly und zu wenig auf den Problemen, die ihre Krankheit mit sich bringt. Vor allem am Ende des Buches wird dies sehr deutlich. Man kann es damit abtun, dass es sich hierbei um ein Jugendbuch handelt, aber auch bei Literatur für Jugendliche erwarte ich bei ernsten Themen Realitätsnähe. Stattdessen bekomme ich eine verklärte Sicht der Dinge, die mir als Leser suggerieren soll, dass doch alles nur halb so schlimm ist wie es scheint.

Und daraus folgt

Nicola Yoon legt mit Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt ein vielversprechendes Debüt vor. Dabei folgt sie dem allgemeinen Trend und widmet sich thematisch einer seltenen und potenziell tödlichen Krankheit, schöpft das Potenzial dieser Geschichte aber leider zugunsten der obligatorischen jugendlichen Liebesgeschichte nicht voll aus. Lesenswert ist das Buch aber trotzdem, denn durch das angenehme Lesetempo, das wenigstens halbwegs neue Thema und die eingestreuten Illustrationen wird man gut unterhalten.


Revis, Beth: Godspeed – Die Reise beginnt

Originaltitel:
Across the Universe
Autor:

Verlag:

Themen:
, , ,
Reihe:
Across the Universe 1 von 3
Seiten: 448
Preis: 19,95 €, Hardcover
ISBN: 9783791516769
Erscheinungsdatum: August 2011
Bewertung:

Die siebzehnjährige Amy und ihre Eltern haben sich im Dienste der Wissenschaft einfrieren lassen. Zusammen mit 97 anderen Personen werden sie 300 Jahre an Bord des Raumschiffs Godspeed „verschlafen“, während dieses auf dem Weg zu einem neuen Planeten ist. Doch an Bord des Schiffes befindet sich ein Verräter, der sich an Amys Kühlbox zu schaffen macht und sie 50 Jahre vor der Landung auftaut. Jetzt muss Amy nicht nur damit klar kommen, bei der Landung älter als ihre Eltern zu sein, sondern sie findet sich zudem auch in einer völlig fremden Welt wieder. Alle Menschen an Bord haben die gleiche braune Haut, braune Augen und dunkle Haare, sodass Amy mit ihrer weißen Hautfarbe und den flammend roten Haaren sofort aus dem Rahmen fällt. Nur wenige Personen scheinen ihr wohlgesonnen zu sein. Einer davon ist Junior, der zukünftige Anführer des Schiffs. Er ist fasziniert von Amys Geschichten über die Erde und möchte so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Gleichzeitig beginnt er die Herrschaftsmethoden des Ältesten infrage zu stellen. Und die Godspeed selbst hat auch so ihre Geheimnisse.

Ich stand diesem Buch eher skeptisch gegenüber, wurde aber eines besseren belehrt. Das Buch ist durchweg mitreißend und durch die geschickten Erzählwechsel zwischen Amy und Junior bleibt es immer spannend. Obwohl es sich mal wieder um den ersten Teil einer Trilogie handelt, ist das Buch vollgestopft mit Informationen und alle relevanten Handlungsstränge werden auch zuende geführt. Für Amy geht es natürlich vorrangig darum, denjenigen ausfindig zu machen, der sie aufgetaut hat. Junior hat währenddessen noch ganz andere Sorgen, denn er erkennt, dass der Älteste ihm eine Menge verschweigt und an Bord nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Amy macht ihn darauf aufmerksam, dass die Geschichte der Erde im Archiv teilweise gefälscht ist. Und das die Paarungszeit der Menschen an Bord in Wirklichkeit ein vollkommen unnatürlicher Zustand ist.

Was Beth Revis sich für die Godspeed alles ausgedacht hat, ist zwar (Gott sei Dank) noch Zukunftsmusik, in Zeiten von Genmanipulation und anderem aber nicht mehr so weit von der Wahrheit entfernt, wie man es sich wünschen würde. Neben den technischen Details hält die Autorin auch einige überraschende Wendungen bereit. Lediglich den Täter habe ich schon nach ein paar Seiten ausmachen können, was leider an den anfänglichen, sehr plumpen Andeutungen liegt, die einige der Charaktere machen. Das ist aber auch das einzige Manko in der Geschichte, was ich zu verzeichnen habe.

Dafür habe ich Kritik an der deutschen Übersetzung anzumerken: in einer Rezension zur englischen Ausgabe wird erwähnt, dass Amy den Ältesten als Hitler bezeichnet und Junior die Beleidigung nicht versteht, weil er glaubt, dass Hitler ein guter Anführer war. Zitat:

“He doesn’t like ‘disturbances,’” I tell Amy. “He doesn’t like anyone to be different at all. Difference, he says, is the first cause of discord.”
“He sounds like a regular Hitler to me,” Amy mutters. I wonder what she means by that. Eldest has always taught me that Hitler was a wise, cultured leader for his people. Maybe that’s what she means: Eldest is a strong leader, like Hitler was. The turn of phrase is unusual, another difference between us, another difference I’m sure Eldest would hate.
Amy hops up from her seat at the window.

Die deutsche Stelle liest sich folgendermaßen:

„Er mag keine Störungen. Er mag nichts, das anders ist. Er sagt, dass Andersartigkeit die erste Ursache für Unfrieden ist.“
„Für wen hält der sich?“ murmelt Amy und springt von ihrem Platz am Fenster auf.

Durch die Zensierung des Textes geht leider ein Hinweis darauf verloren, dass die Geschichtsaufzeichnungen auf der Godspeed nachträglich manipuliert wurden. An einer anderen Stelle liest Amy z. B. eine falsche Rede von Abraham Lincoln, nach der alle farbigen Menschen vom Präsidenten zurück nach Afrika geschickt wurden, „wo sie hingehören“. Und natürlich sagt Amy sofort, dass es sich dabei um Rassismus handelt und es in Wahrheit ganz anders war. Mal davon abgesehen, dass jeder vernünftige Mensch verstehen sollte, dass Junior da ein falsches Weltbild präsentiert bekommen hat.

Es ist schade, dass es anscheinend auch 66 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Deutschland ein Problem ist, Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf Vergleiche zu ziehen. Zumal man von der Zielgruppe, den Jugendlichen nämlich, aufgrund des Geschichtsunterrichts in der Schule durchaus erwarten darf, dass sie den Hintergrund dieses Zitats verstehen können. Zusammen mit dem zusätzlichen „Whitewashing“, das bei der deutschen Ausgabe des Covers betrieben wurde und schon beim harmloseren amerikanischen Original für Kritik gesorgt hat, ergibt das leider kein sehr positives Verlagsbild.

Diese ärgerliche Zensur mal außen vor gelassen kann ich das Buch sehr empfehlen. Eine spannende Geschichte, eine Prise Science Fiction und sympathische Charaktere ergeben ein wunderbares Buch :-)

Die Serie

1. Godspeed – Die Reise beginnt
2. A Million Suns (engl)
3. Shades of Earth (engl)