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[Rezension] Der Koffer

Originaltitel:
A List of Cages
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Themen:
, ,
Reihe:
-
Seiten: 416
Preis: 19,99 €, Hardcover
ISBN: 9783551560292
Erscheinungsdatum: 24.03.2017
Bewertung:

Im letzten Schuljahr hat der 18-jährige Adam den wohl entspanntesten Nebenjob der Welt: auf dem Papier ist er der Assistent der Schulpsychologin, in der Praxis verbringt er die Stunden damit, rumzusitzen und seinen Freunden Nachrichten zu schicken. Bis er Julian wiedertrifft, der bei der Psychologin in Behandlung ist. Einige Jahre zuvor sind Julians Eltern gestorben und er war ein paar Monate bei Adam und seiner Mutter als Pflegekind untergebracht, bis er von seinem Onkel aufgenommen wurde. Adam freut sich, seinen „kleinen Bruder“ wiederzusehen, doch Julian wirkt verschlossen und ängstlich. Nur ganz langsam schaffen es Adam und seine Freunde, zu Julian durchzudringen und sein großes Geheimnis zu lüften.

Das Buch wird abwechselnd aus der Sicht von Adam und Julian erzählt. Die beiden Jungs könnten gegensätzlicher nicht sein. Julian ist extrem zurückhaltend, stottert beim Sprechen und traut sich kaum, den Blick zu heben, wenn er angesprochen wird. Adam ist immer fröhlich, kann ADHS-bedingt nicht still sitzen und hat viele Freunde. Die anderen Figuren sind meist durch eine bestimmte Eigenschaft gekennzeichnet und bleiben eher zweidimensional: Julians Onkel und Adams Freund Charlie sind wütend, Jess trägt immer Kopfhörer und Emerald komplizierte Frisuren.

Hauptsächlich geht es aber natürlich um Julian und Adam und die beiden sind besser ausgearbeitet. Die Freundschaft der beiden ist mein Highlight des Buches. Es passiert mir selten, dass ich beim Lesen eines Buches weinen muss, aber Robin Roe erschafft so plastische Bilder vor dem inneren Auge, dass ich gar nicht anders konnte.

Die Autorin war in der Jugendberatung tätig und ist Sonderpädagogin an einer High School, von daher gehe ich davon aus, dass sie weiß, wovon sie schreibt. Gerade deshalb finde ich es so schade, dass sie im Nachwort nicht auf die problematischen Entscheidungen Adams eingeht oder es einen entsprechenden Anhang gibt. Es mag ein realistisches Porträt sein, aber sollte man der Zielgruppe nicht zumindest am Ende erklären, warum dieses Verhalten nicht ok ist und sie es im Falle eines Falles auf jeden Fall anders machen sollten?

Spoiler

Positiv aufgefallen sind mir, dass es zwar eine Romanze im Buch gibt, diese aber eine sehr untergeordnete Rolle spielt und die Handlung nicht stört. Außerdem endet das Buch nicht an einer typischen Stelle, sondern beleuchtet auch den Nachgang des emotionalen Höhepunkts. Das Ende selbst war mir allerdings zu klischeebehaftet und amerikanisch. Es gibt da so einen bestimmten Kunstgriff, mit dem Probleme aus der Welt geschafft werden, der mich stört. Insgesamt ist Der Koffer aber ein gelungenes Debüt, das einen emotional mitreißt und vielschichtige Themen aufgreift.

Weitere Meinungen

Kielfeder mit 5 von 5 Federn
Ina’s Little Bakery mit 5 von 5 Cupcakes


[Rezension] Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eine Gentlemans

Originaltitel:
The Gentleman's Guide to Vice and Virtue
Autor:

Verlag:

Themen:
, , ,
Reihe:
-
Seiten: 496
Preis: 19,99 €, Hardcover
ISBN: 9783551560384
Erscheinungsdatum: 24.03.2017
Bewertung:

Der junge Adelige Henry ist das schwarze Schaf der Familie Montague. Für gewöhnlich trifft man ihn nackt oder betrunken an, oft auch beides gleichzeitig. Nachdem das renommierte Eton College ihn aufgrund von unsittlichem Verhalten rausgeworfen hat, gibt sein prügelnder Vater ihm noch eine Chance, seinen Ruf zu retten: ein Jahr lang soll er auf seiner Cavaliersreise durch das europäische Festland Anstand zeigen, Kontakte knüpfen und seinen kulturellen Horizont erweitern, bevor er zum Oberhaupt der Familie ernannt wird. Begleitet wird er dabei neben einem Tutor von seinem besten Freund und heimlichen großen Liebe Percy und seiner jüngeren Schwester Felicity.

Neben seinen Gefühlen für Percy kämpft Henry auf dieser Reise gegen seine Schwester, Wegelagerer, Piraten, sich selbst und um sein Leben. Außerdem muss er feststellen, dass auch Percy und Felicity so einige Geheimnisse haben.

Cavaliersreise spielt im 18. Jahrhundert, ist aber nicht mal halb so verstaubt, wie das Setting vermuten lässt. Die Autorin Mackenzi Lee stattet den Abenteuerroman mit einer bunten Charaktermischung aus. Hauptfigur Henry, der verwöhnte Adelsjunge, der sich gleichermaßen mit Frauen und Männern vergnügt und dem Alkohol sehr zugeneigt ist, entspricht dem Klischee des reichen Nichtsnutzes. Viel spannender dagegen sind seine Reisebegleiter. Percy stammt aus gutem Hause, hat es als gemischtrassiger Engländer aber sehr schwer, von seinen Mitmenschen anerkannt zu werden. Er steht dadurch oft im Schatten von Henry, hat aber trotzdem eine eigene starke Meinung und zeigt das auch. Felicity, Henrys jüngere Schwester, soll eigentlich nur bis zu einem Mädcheninternat mitreisen, entpuppt sich allerdings im Laufe der Geschichte als wertvolles Mitglied des Trios. Sie kämpft für Gleichberechtigung und will Ärztin statt Ehefrau werden.

Die Rufe nach Diversity in Büchern werden immer lauter. Glücklicherweise haben das auch die Verlage erkannt und geben Autoren wie Mackenzi Lee eine Plattform. Ihr Buch beweist, dass sich ein spannender Abenteuerroman und kritische Themen wie Sexualität und Feminismus nicht ausschließen, sondern ergänzen können. Ich hoffe sehr, dass Cavaliersreise auch in Deutschland sein Publikum findet und wir noch weitere Bücher der Autorin zu lesen bekommen. Ich freue mich drauf.