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DJLP17: Eine Dichterecke, die Leben verändert

Originaltitel:
Every Last Word
Autor:

Verlag:

Themen:
,
Reihe:
-
Seiten: 336
Preis: 16,95 €, Hardcover
ISBN: 9783734850219
Erscheinungsdatum: 25.01.2016
Bewertung:

Samantha leidet an Zwangsstörungen. Die Zahl Drei bestimmt viele ihrer Handlungen, außerdem hält ihr Gehirn sie oft in schier endlosen und furchterregenden Gedankenspiralen gefangen. Ihren Freundinnen verheimlicht sie ihre Probleme, die Fassade aufrechtzuerhalten hat sie perfektioniert. Dann lernt sie Caroline kennen, die so ganz anders ist als die oberflächlichen Mädchen in ihrer Clique und der Samantha sofort vertraut. Sie erzählt ihr von ihren Zwangsstörungen und Caroline lädt sie in einen geheimen Dichterclub ein. Samantha beginnt zu dichten und verliebt sich in Clubmitglied AJ, mit dem sie eine gemeinsame Vergangenheit verbindet.

Die Idee zum Buch kam Tamara Ireland Stone durch eine Freundin der Familie, bei der mit 12 Zwangsstörungen diagnostiziert wurden. Bei der Rercherche wurde die Autorin durch vier Experten und besagte Freundin unterstützt, um ein möglichst authentisches Bild der Erkrankung zeichnen zu können. Da eine direkt Betroffene an dem Buch mitgewirkt hat, gehe ich davon aus, dass dies gelungen ist. Wahrscheinlich jeder kennt das Gefühl, wenn man sich fragt, ob man den Herd wirklich ausgestellt hat, das Auto abgeschlossen, das Licht ausgemacht hat etc. Aber wie es sich anfühlt, wenn diese Überlegungen zwanghaft werden, das möchte man gar nicht wissen.

Besonders hervorzuheben ist, dass Therapien und Medikamente im Buch als etwas positives und wichtiges dargestellt und nicht verteufelt werden. Die Darstellung macht Hoffnung und Mut darauf, (wenn benötigt) selbst ebenfalls eine/n so engagierte/n Therapeutin oder Therapeuten zu finden, dem das eigene Wohl am professionellen Herzen liegt und bei der/dem man sich gut aufgehoben fühlt.

Weiterhin sehr gut gefallen haben mir auch die Szenen in der Dichterecke mit Sams neuen Freunden. Obwohl die einzelnen Personen gar nicht so viel Raum einnehmen, ist jede eindeutig unterscheidbar und alle haben ihre eigene Geschichte. Und auch wenn ich eigentlich kein großer Lyrikfan bin, haben die vorgetragenen Gedichte mein Herz berührt oder mich zum Lachen/Weinen gebracht. Mein persönliches Highlight war allerdings die Darstellung von Sams Freundschaft zu der „verrückten Acht“, ihrer Mädchenclique aus Grundschulzeiten. Die Mädchen sind schon lange nicht mehr zu acht und Oberflächlichkeit und Neid beherrschen ihren Alltag. Stück für Stück gelingt es Sam im Laufe des Buches, sich aus dieser toxischen Freundschaft zu lösen. Auch ohne Zwangsstörungen ist sowas ein sehr schwieriger und schmerzhafter Prozess, den ich nur allzu gut nachempfinden konnte.

Kurz gesagt: Tamara Ireland Stone schickt die Leser von Mit anderen Worten: ich auf eine emotionale Achterbahnfahrt, an deren Ende man sich ganz fest wünscht, das nur ja alles gut wird. Die Darstellung von Freundschaften aller Facetten ist der Autorin besonders gut gelungen. Beim Deutschen Jugendliteraturpreis ist der Roman für den Preis der Jugendjury nominiert. Und den hätte er auch verdient.


[Rezension] Amy & Matthew – Was ist schon normal?

Originaltitel:
Say what you will
Autor:

Verlag:

Themen:
, , ,
Reihe:
-
Seiten: 352
Preis: 14,99 €, Hardcover
ISBN: 9783453269163
Erscheinungsdatum: 30.03.2015
Bewertung:

Die Handlung

Amy und Matthew sind beide aus unterschiedlichen Gründen Außenseiter an ihrer Schule: Matthew leidet an Zwangsstörungen und gilt deswegen als Sonderling, während Amy auf eine Gehhilfe angewiesen ist und sich nur mithilfe eines Sprachcomputers verständigen kann. Matthew wird im letzten Schuljahr einer von Amys Betreuern. Die beiden freunden sich an und unterstützen sich gegenseitig bei ihren jeweiligen Problemen.

Das war gut

Die Themenauswahl hat mir sehr gut gefallen. Über ein Mädchen mit Zerebralparese liest man nicht alle Tage und auch die Kombination mit Matthews Zwangsstörungen hat erstaunlich gut funktioniert.

Die Perspektive war genau richtig. Der allwissende Erzähler lässt einen an Amy und Matthews Gefühlen teilhaben und in ihren Kopf schauen. Besonders bei Amy fand ich es sehr hilfreich, ihre Sicht der Dinge zu erfahren, da man so mehr von ihr „sieht“ als nur eine zuckende junge Frau, die sich nicht richtig artikulieren kann. Ich muss gestehen, dass ich bisher immer davon ausgegangen war, dass Leute mit Zerebralparese sich nicht verständigen können. Umso beeindruckter war ich davon, dass Amy bis auf ihre körperlichen Einschränkungen ein ganz normales Mädchen ist.

Die Geschichte deckt einen langen Zeitraum ab, geht über die Schule hinaus bis ins Studium. So vergehen mindestens zwei Jahre. Ich fand es sehr interessant, die Entwicklung der Freundschaft zwischen Amy und Matthew über diese Zeit beobachten zu können, statt wie so oft nur einen kurzen Ausschnitt aus ihren Leben zu sehen.

Das hat mir nicht gefallen

Die Autorin schießt an einer Stelle für meinen Geschmack über das Ziel hinaus. Amy und Matthew haben schon mehr als genug Probleme, die das Buch locker gefüllt hätten, aber Cammie McGovern setzt noch einen drauf. Es ärgert mich besonders, dass man diesen einen Konflikt komplett aus dem Buch entfernen könnte und an der Charakterentwicklung der beiden Hauptfiguren dadurch trotzdem nichts ändern würde. Für mich ist das der Beweis, dass der Handlungsstrang vollkommen überflüssig ist.

Ich finde es etwas merkwürdig, dass erst Amy Matthew darauf bringen muss, dass er an Zwangsstörungen leidet. Diese scheinen ziemlich offensichtlich zu sein, warum also hat noch niemand anders aus der Schule oder Matthews Familie reagiert?

Und daraus folgt

Cammie McCovern hat mit Amy & Matthew – Was ist schon normal? ein Buch geschrieben, über das man sich streiten kann. Die Charakterisierung der Hauptfiguren ist definitiv gut gelungen und auch die Auswahl der Probleme kann Lesern dabei helfen, Vorurteile abzubauen. Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl, dass die Autorin es „cool“ fand, die eh schon schwierigen Situationen unnötig weiter zu dramatisieren, vor allem mit dem oben bereits erwähnten Handlungsstrang, der so nicht hätte sein müssen.

Denkt man sich diesen Abschnitt weg, bleibt eine unkonventionelle Freundschafts- und Liebesgeschichte zwischen zwei Außenseitern, die es nicht leicht im Leben haben, dieses aber trotzdem so gut wie möglich zu meistern versuchen. Und man wünscht ihnen alles Glück dieser Welt dafür.