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[Rezension] So oder so

Originaltitel:
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Reihe:
-
Seiten: 232
Preis: 12,95 €, Trade Paperback
ISBN: 9783407744838
Erscheinungsdatum: 25.08.2014
Bewertung:

Die Handlung

Ein Brotbelag entscheidet über Jellas Schicksal: die Salamischeibe bringt sie pünktlich zum Bahnhof und im Zug mit ihren Freunden zu Rock am Ring, um vier unvergessliche Tage zu erleben. Die Marmelade tropft auf ihre Hose, sodass sie den Zug verpasst und zuhause bleiben soll, da ihre Schwester einen Aufpasser braucht. Zwei Seiten eines Buches, zwei Geschichten.

Das war gut

Jella sucht nach ihrer sexuellen Identität und dieser Aspekt der Geschichte wird nachvollziehbar und wertungsfrei dargestellt. Auf der einen Seite ist da ihr langjähriger Freund Alex, der ganz offensichtlich großes Interesse daran hat, ihre Beziehung zu vertiefen. Auf der anderen Seite steht Bellas Cousine Soleil, die Jella vor einem Jahr kennengelernt und seitdem nicht wiedergesehen hat. Aber passend zu ihrem Namen zieht Soleil Jella wie die Sonne an. In beiden Geschichten ist Jella hin- und hergerissen, besser gefallen hat mir allerdings die Salamiseite.

Das hat mir nicht gefallen

Alle anderen Figuren außer Jella bleiben farblos und einseitig. Bella (die BFF…) ist darauf fixiert, sich den nächsten Jungen zu angeln. Lasse ist schön. Alex trinkt Bier (und baggert zwischendurch ein bisschen) und Soleil strahlt wie die Sonne. Aha. Ein paar Seiten mehr hätten der jeweiligen Geschichte wohl gut getan.

Das Offensichtlichste: die Sprache ist das Furchtbarste, was mir in der letzten Zeit über den Weg gelaufen ist. Dass sich die Jugendlichen in der wörtlichen Rede etwas umgangssprachlicher unterhalten, kann ich ja nachvollziehen. Aber der Erzähler des Buches redet genauso und es ist nicht Jella selbst! Wer kommuniziert bitte so? Wenn ich Jugendliche im Bus belausche, höre ich da nie so krass gestelzte Jugendsprache. Hier hat man leider das Gefühl, die um die 50 Jahre alten Autoren wollten auf Teufel komm raus „cool“ und lässig wirken, was leider gewaltig in die Hose geht. Und es ist so schade, denn ich kenne das Autorenduo Brinx/Kömmerling von ihrem Roman Neumond ganz anders! (Oder ich habe verdrängt, dass die Sprache da auch so war, kann ich mir aber kaum vorstellen.)

Der Handlungsstrang um Jo, den Supermarktlieferanten, bleibt für mich ein großes Fragezeichen. Auf der Salamiseite trägt er nichts zur Handlung bei, es ist noch nicht mal wirklich nachvollziehbar, wieso er plötzlich bei Rock am Ring auftaucht und dies für die Gruppe um Jella wichtig sein könnte. Auf der Marmeladenseite hingegen…das müsst ihr wohl selber lesen. Fand ich blöd, da es im Grunde auch kaum etwas für die Handlung bewirkt und Jos Verhalten bescheuert ist. Gleiches gilt für den Poohbär.

Und daraus folgt

So oder so bringt eine wunderbar zur Geschichte passende Covergestaltung (auf der einen Seite ein Salamitoast, auf der anderen Seite ein Marmeladentoast) und eine interessante Ausgangssituation mit. Leider hapert es bei der Umsetzung. Mit ein paar Seiten mehr und einer vernünftigen Erzählsprache wäre es vielleicht ein echt tolles Buch geworden. So gibt es nur einen Extrastern für die Thematik um Jella, die in Jugendbüchern immer noch viel zu unterrepräsentiert ist und immerhin den Umständen entsprechend gut umgesetzt wurde.

Was das Buch allerdings geschafft hat: ich möchte unbedingt Just Like Fate von Cat Patrick lesen und den Film Sliding Doors mit Gwyneth Paltrow sehen, die sich beide ebenfalls mit „Was wäre wenn“ Handlungssträngen beschäftigen. Und ihren Job dabei hoffentlich besser machen.

Danke an Blogg dein Buch und Beltz & Gelberg für dieses Rezensionsexemplar.


Blackman, Malorie: Boys Don’t Cry

Originaltitel:
Boys Don't Cry
Autor:

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Themen:
, , , ,
Reihe:
-
Seiten: 302
Preis: 14,99 €, Hardcover
ISBN: 9783414822987
Erscheinungsdatum: 19.08.2011
Bewertung:

Der 17-jährige Dante hat gerade seinen Schulabschluss mit glänzenden Noten gemacht und träumt von einer erfolgreichen Zukunft. Er will in Kürze sein Studium beginnen. Da steht plötzlich seine Ex-Freundin Melanie vor der Tür und hat ein Baby im Schlepptau. Nachdem sie ihm eröffnet, dass die kleine Emma Dantes Tochter ist, verlässt sie unter einem Vorwand das Haus und kehrt nicht wieder zurück.
Dantes Vater ist verständlicherweise anfangs nicht begeistert über den ungeplanten Familienzuwachs und lässt seinen Sohn die Enttäuschung über seinen „Unfall“ auch spüren. Dantes Bruder Adam ist hingegen vom ersten Augenblick ganz vernarrt in seine Nichte. Emma stellt das Leben im Männerhaushalt gehörig auf den Kopf. Und was wird jetzt eigentlich aus Dantes Zukunft?

Wie am Cover schon gut zu erkennen ist, spielt in Boys Don’t Cry ein Baby bzw. ein Kleinkind die Hauptrolle. Dante wird von seiner Vaterschaft vollkommen überumpelt und ist von einer auf die anderen Minute verantwortlich für einen Menschen. Verständlich, dass er mit der Situation überfordert ist und die kleine Emma am liebsten sofort wieder loswerden möchte. Seinem Vater ist es zu verdanken, dass Dante sich dieser Herausforderung – wenn auch unwillig – stellt. Heimlich meldet er sich aber trotzdem für sein Studium an und bestellt sich im Internet einen Vaterschaftstest sowie informiert sich darüber, wie man ein Kind in Pflege geben oder zur Adoption freigeben kann. Dantes Vater hat dafür kein Verständnis, ich finde diese Reaktion aber nachvollziehbar. Dante möchte sich Gewissheit verschaffen und braucht Zeit um zu verarbeiten, dass seine Zukunft wohl nicht so verlaufen wird wie er es sich gewünscht hat. In diesem Zusammenhang komme ich zum größten Kritikpunkt des Buches: das Problem löst sich zu schnell in Luft auf. Noch bevor der Vaterschaftstest überhaupt geliefert wird hat Dante sich mit seinen neuen Lebensumständen bereits arrangiert, seinen Studienplatz abgesagt und liebt seine Tochter bedingungslos. Das geht einfach zu schnell. Und genauso ist es auch mit dem Rest des Buches. Es werden viele Themen angeschnitten, aber keines intensiver beleuchtet. So bekommt Dante z. B. in der Öffentlichkeit die geballten Vorurteile einer Frau zu spüren, die ihn dafür kritisiert ein Teenagervater zu sein. Dante fühlt sich ungerecht behandelt und ist frustriert. Damit ist das Thema dann aber auch abgehakt. Obwohl Dante anscheinend fast jeden Tag mit Emma spazieren geht, wird er danach in Ruhe gelassen.

Gleiches gilt für den Besuch einer Sozialarbeiterin, die die Freundin von Dante der Familie auf den Hals hetzt. Es wird viel Wirbel darum gemacht, dass Dante sich davor fürchtet Emma zu verlieren. Letztendlich passiert dann aber doch nichts. Natürlich erwarte ich dabei nicht, dass das Jugendamt als bösartige Behörde dargestellt wird, die allen ihre Kinder entreißen will, aber mir erschien die Lösung einfach zu glatt.

Als wäre das neue Baby in der Familie nicht schon genug Drama für ein Buch, hat die Autorin zusätzlich noch die Probleme von Dantes Bruder Adam mit eingeflochten. Schließlich ist der Titel ja auch Boys Don’t Cry, nicht Boy.
Adam ist schwul und steht auch offen dazu. Seine Familie schweigt das Thema allerdings lieber aus, sodass sich Adam nicht verstanden fühlt. Er verliebt sich ausgerechnet in einen Jungen, der zu seiner Neigung nicht stehen will, was zu nichts Gutes führt.

Achtung, hier wird das Ende verraten!

Fazit: Boys Don’t Cry ist durch seine ungewöhnliche Perspektive auf eine Teenieschwangerschaft bzw. deren Folgen sicherlich einzigartig und lesenswert. Leider ist das Buch aber viel zu vollgestopft, sodass die vielen interessanten Ansätze nicht zu Ende geführt werden.