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[Rezension] Eine Therapie für Aristoteles

Originaltitel:
How To Write A Novel
Autor:

Verlag:

Themen:
, ,
Reihe:
-
Seiten: 352
Preis: 19,99 €, Hardcover
ISBN: 9783832197964
Erscheinungsdatum: 15.02.2016
Bewertung:

Die 12-jährige Aristoteles hat es nicht leicht. Ihr Vater ist vor ein paar Jahren gestorben, ihr Bruder ist hochsensibel und in Therapie und ihre Mutter ist mit der Erziehung ihrer beiden Kinder überfordert, sodass Aris ihr unter die Arme greifen muss. Statt eines eigenen Therapieplatzes bekommt Aris von ihrer Mutter den Ratgeber „Romane schreiben in 30 Tagen!“ in die Hand gedrückt. Und diesen nutzt Aris dann auch ausgiebig. Das Ergebnis ist der Roman, den man in den Händen hält, denn er ist nicht nur Melanie Sumners Buch, sondern auch Aris‘ Schreibexperiment, mit dem sie den Ratgeber auf Herz und Nieren testet und gleichzeitig ihre aktuelle Lebenssituation aufarbeitet.

Das ist eine kreative Idee der Autorin, sorgt aber auch für Verwirrung. Gerade zum Ende hin war mir nicht klar, ob Aris‘ Erzählung Wunschdenken oder Realität sein soll. Da Aris nach eigener Aussage mit dem Geist ihres Vater kommuniziert stellt sich natürlich die Frage, wie zuverlässig sie als Erzählerin ist. Dass es sich um den ersten Romanversuch einer 12-jährigen handeln soll, habe ich dem Buch auf jeden Fall abgekauft, denn die Geschichte wirkt meiner Meinung nach zu sprunghaft und unfertig. Auch hier bleibt offen: ist es ein genialer Kniff der Autorin, weil eine Jugendliche beim ersten Versuch wohl kaum ein Meisterwerk schreiben kann?

Was bleibt ist, ein Buch, das man lesen kann, aber nicht muss. Abgesehen von meinen Kritikpunkten haben mir besonders die Stellen gefallen, in denen Aris und/oder ihre Mutter die Aufsätze eines Studenten korrigieren und der kleine Nebenplot, der sich daraus entwickelt.

Weitere Meinungen

Herzpotenzial mit 3 von 5 Herzen
Vanessas Bücherecke mit 5 von 5 Punkten

Danke an Blogg dein Buch und Dumont für dieses Rezensionsexemplar.


[Rezension] Henrietta, mein Geheimnis

Originaltitel:
Henrietta är min hemlighet
Autor:

Verlag:

Themen:
,
Reihe:
-
Seiten: 208
Preis: 12,99 €, Hardcover
ISBN: 9783440149126
Erscheinungsdatum: 09.03.2016
Bewertung:

Möwe ist schon lange in Henrietta verliebt, aber viel zu schüchtern und unsicher, um ihr diese Gefühle zu gestehen. Als Henrietta stattdessen den ersten Schritt macht, ist Möwe total überfordert und zieht sich zurück, statt die Gelegenheit zu nutzen.

Diese wenigen Zeilen reichen meiner Meinung nach vollkommen aus, um die Geschichte zu beschreiben. Denn Möwe ist wirklich sehr unsicher, traut sich nichts zu und verkriecht sich lieber in Schneckenhäusern, als auch nur einen Schritt auf Henrietta zuzugehen, die verständlicherweise irritiert über dieses Verhalten ist.

Es hat einen Grund, warum im Klappentext und auch hier in meiner Beschreibung immer nur von Möwe geredet und nie ein Personalpronomen verwendet wird. Das ganze Buch über wird von der Autorin nämlich verschleiert, ob Möwe männlich oder weiblich ist. Den meisten Lesern wird das vielleicht gar nicht auffallen, ich wurde allerdings sofort stutzig. Auf der einen Seite ist es ein sehr interessanter Ansatz, die Figur so vage zu halten und ich habe auch noch kein Buch gelesen, in dem es so war. Im Grunde ist es ja – für entsprechend aufgeschlossene Leser – am Ende auch vollkommen egal, ob Möwe jetzt ein Junge oder ein Mädchen ist. Nur leider gestaltet sich die Geschichte abgesehen von diesem Mysterium ziemlich belanglos. Da es sich die Autorin wohl als Ziel gesetzt hatte, das „große Geheimnis“ erst am Ende zu lüften, tasten sich beide Figuren bis zum Schluss nur sehr sehr langsam vor und auch der Kontakt zu anderen Personen wird beschränkt, sobald die beiden zusammen sind, sodass kein Außenstehender Möwe „er“ oder „sie“ nennen kann.

Möwes Gedanken drehen sich dabei ständig im Kreis. Die Hauptfigur quält sich mit den immer gleichen Gedankengängen und auch wenn es zahlreiche Gegenbeweise gibt – z. B. ist Möwe davon überzeugt, dass Henrietta sowieso kein Interesse hat, obwohl sie bei vielen Gelegenheiten das Gegenteil beweist – kann Möwe wohl nicht anders, als trotzdem immer das Schlimmste zu vermuten. Möwes Familie erscheint vollkommen normal, natürlich sind es nervige Eltern, wie es sich für jugendliche Protagonisten gehört, aber nichts in ihrem Verhalten insgesamt oder ihrem Kind gegenüber lässt darauf schließen, dass Möwe ernsthafte Probleme hat (wie es z. B. in Mit anderen Worten: ich der Fall war), sodass die extreme Unsicherheit mich etwas gewundert hat.

Maja Hjertzells Buch glänzt mit interessantem und neuem Ansatz, legt dabei aber leider den Fokus zu sehr auf die Enthüllung am Ende des Buches, statt die Geschlechterfrage einfach außen vor zu lassen und eine romantische Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen zu erzählen. So erschien mir der Plot selbst für die kurze Seitenzahl leider etwas zu dünn.

Pluspunkte gibt es für Möwes Freundin, die mit Gedichten unterstützt, Henrietta gerne mal den ein oder anderen Wink mit dem Vorgartenzaun gibt, wenn es um Möwe geht und eine liebenswerte und verständnisvolle Freundin ist, mit der man sofort sympathisiert.


[Rezension] Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt

Originaltitel:
Everything, Everything
Autor:

Verlag:

Themen:
, ,
Reihe:
-
Seiten: 336
Preis: 16,99 €, Hardcover
ISBN: 9783791525402
Erscheinungsdatum: 17.09.2015
Bewertung:

Die Handlung

Die 18-jährige Maddy hat ihr ganzes Leben lang in ein und demselben Haus verbracht, die Welt draußen kennt sie nicht. Maddy leidet an einem seltenen Immundefekt und muss so gut wie möglich vor Keimen geschützt werden. Sie hat sich mit dieser Tatsache arrangiert – bis nebenan neue Nachbarn einziehen und sie Olly kennenlernt. Er weckt in ihr die Sehnsucht nach dem normalen Leben, das sie niemals haben kann. Dafür ist Maddy sogar bereit, ihre Gesundheit zu riskieren.

Das war gut

Ich bin geradezu durch die Seiten geflogen. Die Autorin versteht es hervorragend, Maddys eigentlich tragische Geschichte mit einer Leichtigkeit zu erzählen, dass man unbedingt „nur noch die nächste“ Seite lesen möchte. Und noch eine. Und noch eine. Maddys Zeichnungen und ausgefüllten Formulare lockern das Buch zusätzlich auf.

Die Nebengeschichte um Ollys Familie fand ich beinahe noch interessanter als den Hauptplot um Maddy. Als Leser bekommt man nur Ausschnitte daraus mit, wenn Maddy und Olly sich unterhalten oder Maddy das Nachbarhaus vom Fenster aus beobachtet. Ollys Vater neigt zu Wutausbrüchen und sein Sohn fühlt sich hilflos. Das macht den ansonsten natürlich perfekten Jungen für den Leser menschlicher.

Das hat mir nicht gefallen

Als wir Maddy kennenlernen, hat sie schon 18 Jahre Isolation hinter sich. Ihre einzigen Bezugspersonen sind ihre Mutter und ihre Pflegerin Carla, nur ganz selten darf einer ihrer Online-Lehrer persönlich vorbeikommen. Körperkontakt mit den seltenen Gästen ist verboten. Hier hätte die Autorin noch mehr darauf eingehen können, wie sich dieses besondere soziale Umfeld auf Maddys Entwicklung ausgewirkt hat. Hat sie einen Therapeuten, um damit klarzukommen? Warum ist es in Ordnung, dass Maddy ihrer Mutter und Pflegerin berührt, aber ihren Lehrer nicht, auch wenn dieser komplett gecheckt wurde und nur durch eine Luftschleuse ins Haus gelangen kann?

Der Fokus lag mir zu stark auf Maddys Beziehung zu Olly und zu wenig auf den Problemen, die ihre Krankheit mit sich bringt. Vor allem am Ende des Buches wird dies sehr deutlich. Man kann es damit abtun, dass es sich hierbei um ein Jugendbuch handelt, aber auch bei Literatur für Jugendliche erwarte ich bei ernsten Themen Realitätsnähe. Stattdessen bekomme ich eine verklärte Sicht der Dinge, die mir als Leser suggerieren soll, dass doch alles nur halb so schlimm ist wie es scheint.

Und daraus folgt

Nicola Yoon legt mit Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt ein vielversprechendes Debüt vor. Dabei folgt sie dem allgemeinen Trend und widmet sich thematisch einer seltenen und potenziell tödlichen Krankheit, schöpft das Potenzial dieser Geschichte aber leider zugunsten der obligatorischen jugendlichen Liebesgeschichte nicht voll aus. Lesenswert ist das Buch aber trotzdem, denn durch das angenehme Lesetempo, das wenigstens halbwegs neue Thema und die eingestreuten Illustrationen wird man gut unterhalten.


[Rezension] Amy & Matthew – Was ist schon normal?

Originaltitel:
Say what you will
Autor:

Verlag:

Themen:
, , ,
Reihe:
-
Seiten: 352
Preis: 14,99 €, Hardcover
ISBN: 9783453269163
Erscheinungsdatum: 30.03.2015
Bewertung:

Die Handlung

Amy und Matthew sind beide aus unterschiedlichen Gründen Außenseiter an ihrer Schule: Matthew leidet an Zwangsstörungen und gilt deswegen als Sonderling, während Amy auf eine Gehhilfe angewiesen ist und sich nur mithilfe eines Sprachcomputers verständigen kann. Matthew wird im letzten Schuljahr einer von Amys Betreuern. Die beiden freunden sich an und unterstützen sich gegenseitig bei ihren jeweiligen Problemen.

Das war gut

Die Themenauswahl hat mir sehr gut gefallen. Über ein Mädchen mit Zerebralparese liest man nicht alle Tage und auch die Kombination mit Matthews Zwangsstörungen hat erstaunlich gut funktioniert.

Die Perspektive war genau richtig. Der allwissende Erzähler lässt einen an Amy und Matthews Gefühlen teilhaben und in ihren Kopf schauen. Besonders bei Amy fand ich es sehr hilfreich, ihre Sicht der Dinge zu erfahren, da man so mehr von ihr „sieht“ als nur eine zuckende junge Frau, die sich nicht richtig artikulieren kann. Ich muss gestehen, dass ich bisher immer davon ausgegangen war, dass Leute mit Zerebralparese sich nicht verständigen können. Umso beeindruckter war ich davon, dass Amy bis auf ihre körperlichen Einschränkungen ein ganz normales Mädchen ist.

Die Geschichte deckt einen langen Zeitraum ab, geht über die Schule hinaus bis ins Studium. So vergehen mindestens zwei Jahre. Ich fand es sehr interessant, die Entwicklung der Freundschaft zwischen Amy und Matthew über diese Zeit beobachten zu können, statt wie so oft nur einen kurzen Ausschnitt aus ihren Leben zu sehen.

Das hat mir nicht gefallen

Die Autorin schießt an einer Stelle für meinen Geschmack über das Ziel hinaus. Amy und Matthew haben schon mehr als genug Probleme, die das Buch locker gefüllt hätten, aber Cammie McGovern setzt noch einen drauf. Es ärgert mich besonders, dass man diesen einen Konflikt komplett aus dem Buch entfernen könnte und an der Charakterentwicklung der beiden Hauptfiguren dadurch trotzdem nichts ändern würde. Für mich ist das der Beweis, dass der Handlungsstrang vollkommen überflüssig ist.

Ich finde es etwas merkwürdig, dass erst Amy Matthew darauf bringen muss, dass er an Zwangsstörungen leidet. Diese scheinen ziemlich offensichtlich zu sein, warum also hat noch niemand anders aus der Schule oder Matthews Familie reagiert?

Und daraus folgt

Cammie McCovern hat mit Amy & Matthew – Was ist schon normal? ein Buch geschrieben, über das man sich streiten kann. Die Charakterisierung der Hauptfiguren ist definitiv gut gelungen und auch die Auswahl der Probleme kann Lesern dabei helfen, Vorurteile abzubauen. Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl, dass die Autorin es „cool“ fand, die eh schon schwierigen Situationen unnötig weiter zu dramatisieren, vor allem mit dem oben bereits erwähnten Handlungsstrang, der so nicht hätte sein müssen.

Denkt man sich diesen Abschnitt weg, bleibt eine unkonventionelle Freundschafts- und Liebesgeschichte zwischen zwei Außenseitern, die es nicht leicht im Leben haben, dieses aber trotzdem so gut wie möglich zu meistern versuchen. Und man wünscht ihnen alles Glück dieser Welt dafür.