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DJLP17: Von Bananen und Wächterlöwen

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Reihe:
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Seiten: 288
Preis: 16,99 €, Hardcover
ISBN: 9783551560193
Erscheinungsdatum: 18.03.2016
Bewertung:

Mini ist eine Banane: außen gelb und innen weiß. Ihr Vater hingegen bleibt durch und durch gelb: Er spricht nur gebrochen Deutsch und betreibt ein Chinarestaurant. Als ihr Vater ins Krankenhaus kommt, muss Mini im Restaurant schuften, sich mit dem trotzigen Koch streiten – und sie kann Bela nicht wiedertreffen, bei dem sie so viel Ruhe gefunden hat. Dann reist auch noch Onkel Wu an. Der traditionsbewusste Chinese holt die Vergangenheit wieder hoch: das frühere Leben, die gefährliche Flucht als Boatpeople aus Vietnam.

Quelle: Carlsen

Auf den ersten Seiten beginnt Im Jahr des Affen fast wie ein typischer Jugendbuch-Liebesroman. Protagonistin Mini trifft sich mit ihren Freundinnen, man geht feiern, lernt interessante Jungs kennen. Doch schon nach ca. 30 Seiten wendet sich das Blatt, als Minis Vater einen Herzinfarkt erleidet und Mini den Familienbetrieb übernehmen muss.

Mini, eigentlich Minh Thi oder auf kantonesisch Mäi Yü, stammt aus Vietnam, ist aber Chinesin. Ihr Vater flüchtete 1976 mit ihr erst nach Thailand, dann nach Deutschland. An diese Zeit kann sie sich nicht erinnern, für sie ist Deutschland ihre Heimat und kantonesisch spricht sie mehr schlecht als recht. So richtig gehört sie deshalb nirgendwo dazu: die Nachbarn und Mitschüler starren sie misstrauisch an, weil sie so anders aussieht, ihrer Verwandtschaft und den Mitarbeitern des Restaurants ist sie nicht chinesisch genug, weil sie die Sprache nicht fließend spricht, mit der Gabel isst und sich Männern gegenüber „frech“ verhält.

Que Du Luus Buch ist mindestens teilweise autobiographisch, wie die Autorenvita der Klappe verrät. Mir hat es sehr gefallen, das Deutschland der 90er aus einer völlig neuen Perspektive zu entdecken. Da alle vier Chinesen um Minh Thi herum kaum bis gar kein Deutsch sprechen, werden immer wieder kantonesische Ausrufe und Sätze eingestreut, die auch nicht immer übersetzt werden. Beim Lesen stolpert man über die Passagen genau wie Minh Thi selbst, die oft Schwierigkeiten hat, die richtigen Worte zu finden oder Sätze zu verstehen.

Als ihr Onkel aus Australien zu Besuch kommt, erfährt Min Thi einiges über ihre Vergangenheit und Herkunft. Koch Bao war seinerzeit mit auf dem Flüchtlingsboot, das Vietnam verließ, und erzählt von dramatischen Ereignissen auf See. Der Ablehnung in Singapur, als die Schiffsinsassen einfach wieder aufs Meer hinausgeschleudert wurden, und von ihrem Jahr in Thailand im Flüchtlingslager, in dem sie unter Plastikplanen leben mussten. Unweigerlich muss man dabei an die derzeitige Flüchtlingssituation denken, ein hochaktuelles Thema. Der Autorin gelingt es, die innere Zerrissenheit von Bao hervorragend darzustellen. Mit ihm habe ich am meisten gelitten, da er seine Mutter in Vietnam zurücklassen musste.

Im Jahr des Affen ist in der Kategorie „Jugendbuch“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert. Que Du Luu wirft in ihrem Jugendbuchdebüt interessante Fragen nach Heimat und kultureller Zugehörigkeit auf und appelliert an Toleranz und Offenheit auf allen Seiten. Schade fand ich, das so viele Punkte offen bleiben und nicht alle Fragen beantwortet bleiben. Aber so ist das nun mal im echten Leben: es gibt nicht für alles eine Lösung.