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DJLP17: Verse über siamesische Zwillinge

Originaltitel:
One
Autor:

Verlag:

Themen:
,
Reihe:
-
Seiten: 424
Preis: 16,90 €, Hardcover
ISBN: 9783958540576
Erscheinungsdatum: 29.01.2016
Bewertung:

Grace und Tippi, benannt nach zwei Hollywoodlegenden, sind 16 Jahre alt und siamesische Zwillinge. Sie sind an der Hüfte zusammengewachsen und teilen sich einen Unterkörper. Für die beiden ist es Normalität, für die Welt „da draußen“ eine gute Gelegenheit, um zu gaffen. Aus diesem Grund wurden die Mädchen bisher zuhause unterrichtet, doch aus finanziellen Gründen müssen sie an eine von der Stadt finanzierte Privatschule wechseln. Dort werden Grace und Tippi ständig mit ihrer Andersartigkeit konfrontiert, aber finden auch zum ersten Mal in ihrem Leben gute Freunde – und vielleicht sogar die Liebe.

Sarah Crossan hat sich mit Eins an ein wirklich außergewöhnliches Thema gewagt. Wann liest man schon mal einen Roman aus der Ich-Perspektive eines siamesischen Zwillings? Im Nachwort beschreibt die Autorin die intensiven Recherchen, die sie für ihr Buch unternommen hat und beweist damit, dass man eine einfühlsame und authentische Geschichte über ein Thema schreiben kann, auch ohne dass es einen selbst betrifft, wenn man nur genug Arbeit investiert und den Respekt vor Betroffenen nicht verliert.

Auch wenn die drängendsten Fragen zur körperlichen Situation der Zwillinge recht zügig beantwortet werden, um den sicherlich vorhandenen Voyeurismus zu befriedrigen, werden Grace und Tippi nicht vorgeführt, sondern behalten ihre Würde. Grace, aus deren Sicht das Buch erzählt wird, hat mir am besten gefallen. Über ihren Charakter erfährt man logischerweise am meisten, Tippi bleibt daneben leider ein wenig unnahbar. Auch der Rest der Familie wird wenn überhaupt nur durch jeweils eine prägende Eigenschaft definiert. Aber es ist ok, dass die Figuren in den Hintergrund geraten, denn es ist nun mal Grace‘ Geschichte. Es ist Grace, die uns zeigt, wie normal ihr Leben doch eigentlich ist, auch wenn sie nicht alleine laufen oder duschen kann und ihre Schwester in die Therapiestunde begleiten muss, so wie Tippi auch in ihrer Therapiestunde dabei ist. Es ist Grace, die sich zum ersten Mal verliebt und am Ende eine schwierige Entscheidung zu treffen hat.

Auch die Textart des Buches ist ungewöhnlich, denn Sarah Crossan hat für die Geschichte der Zwillinge die Versform gewählt. Ich kann persönlich nicht viel mit dieser Romanart anfangen, denn für mich „fühlen“ sich diese Texte immer wie normale Prosa an, deren Sätze kunstvoll auf einer Seite angeordnet werden, damit es anspruchsvoller aussieht.

Trotzdem ist Eins in diesem Jahr beim Deutschen Jugendliteraturpreis völlig zurecht sowohl in der Kategorie „Jugendbuch“ als auch für den Preis der Jugendjury nominiert. Grace‘ und Tippis Geschichte ist aufrührend, sympathisch, macht nachdenklich und ließ bei mir Tränen fließen. Mehr kann ich mir von einem Roman kaum wünschen. Ich finde es außerdem unglaublich lehrreich, Bücher aus mir unbekannten Perspektiven zu lesen, um meine Gegenüber besser verstehen zu können. Jeder, der die Möglichkeit dazu hat, sollte seinen Horizont auf diese Weise erweitern, denn Verständnis fördert Empathie und Empathie reduziert Angst. In diesem Sinne: lest dieses Buch!