Schlagwort-Archive: Erschienen 2017

[Rezension] Vintage

Originaltitel:
Vintage
Autor:

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Themen:
, , ,
Reihe:
-
Seiten: 400
Preis: 24,00 €, Hardcover
ISBN: 9783257070026
Erscheinungsdatum: 23.08.2017
Bewertung:

Mit dem Begriff Vintage werden alte, hochwertige Musikinstrumente bezeichnet, die als besonders wertvoll gelten und bei Sammlern äußerst begehrt sind. Gerade bei Gitarren aus den 50er und 60er Jahren wird dieser Begriff gerne genutzt, denn diese Gitarren zeichnen sich durch höchste handwerkliche Qualität aus.

Gibson und Fender waren mir natürlich Begriffe, aber so richtig Ahnung von Gitarren hatte ich nicht. Nach der Lektüre von Vintage von Grégoire Hervier hat sich das nun geändert.

Thomas Dupré ist ein junger Gitarrist und Journalist, der in einem renommierten Pariser Gitarrenladen arbeitet. So recht weiß er noch nicht, wohin es mit ihm gehen soll und da kommt es ihm sehr gelegen, als ihn sein Chef nach Schottland schickt. Ein reicher Sammler hat eine Gitarre gekauft und möchte, dass die Les Paul Goldtop von 1954 persönlich bei ihm abgeliefert wird.

So macht sich Thomas auf den Weg nach Schottland und ist vollkommen überwältigt, als er das Anwesen Lord Winsleys betritt. Das Anwesen gehörte einst Jimmy Page, dem Gitarristen von Led Zeppelin. Doch damit nicht genug! Als Thomas die Gitarrensammlung Lord Winsleys sieht, ist er im Himmel. Denn Lord Winsley besitzt einfach jede Gitarre, so selten sie auch sein mag. Jede? Oh nein. Eine Gitarre wurde ihm angeblich gestohlen: Die legendäre Gibson Moderne. Die Existenz dieser mythenumrankten Gitarre ist unbewiesen, doch Lord Winsley beauftragt Thomas das zu ändern. Er soll Beweise finden, dass es die Gibson Moderne wirklich gegeben hat. Der Lohn: Eine Million Euro.

Und so begibt sich Thomas auf einen rasanten Roadtrip, der ihn durch die Tiefen des Internets nach Sydney und schließlich in die USA, zu den Wurzeln des Blues und Rock führt. Unterwegs trifft er so einige verrückte und musikbesessene Gestalten und gerät in manch skurrile und auch gefährliche Situation. Ob Begegnungen mit gewalttätigen Elvis-Imitatoren oder vergessenen Musikgenies, die Reise stellt Thomas gesamtes Leben auf den Kopf.

Romane über Musik verbinden meine beiden großen Leidenschaften und dieser Roman hat mich völlig begeistert zurückgelassen. Grégoire Hervier schafft es Fakten und Fiktion so wunderbar zu verweben, dass eine abgefahrene Geschichte entstanden ist, die trotzdem genau so passiert sein könnte. Das Buch erschafft eine so wohlige Atmosphäre, die Lust auf eine Reise nach Memphis und ins Land des Blues macht. Und irgendwie auch darauf, verschollene Vintage-Gitarren zu entdecken und die größte Gitarrensammlung überhaupt aufzubauen.

Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, musste ich es erstmal meinem Vater in die Hand drücken, der ebenfalls völlig musikverrückt ist. Mit der Folge, dass er sich in Literatur über Musikinstrumente vergraben hat und sich nun von Monsieur Hervier noch einen Roman über die Geschichte der Orgel und des Schlagzeugs wünscht.

Ein wahres Lesevergnügen für Musikliebhaber, Krimifreunde und Fernwehhabende.


[Rezension] Und es schmilzt

Originaltitel:
Het smelt
Autor:

Verlag:

Themen:
,
Reihe:
-
Seiten: 512
Preis: 22,00 €, Hardcover
ISBN: 9783103972825
Erscheinungsdatum: 24.08.2017
Bewertung:

Was für ein tolles Cover! Und dieser wundervolle grüne Buchschnitt! Direkt habe ich mich bei einem kurzen Abstecher in die Buchhandlung in Und es schmilzt von Lize Spit verliebt.

Tatsächlich hatte ich vorher noch nichts von dem Buch gehört und stieg völlig unvoreingenommen in die Lektüre ein. Puh, mit dem was dann kam habe ich so nicht gerechnet, denn die Geschichte hat es in sich und hat mich ziemlich aufgewühlt zurückgelassen.

Die 27-jährige Eva lebt in Brüssel und erhält eines Tages eine Einladung von ihrem ehemaligen Schulfreund Pim zu einer Gedenkfeier für seinen schon vor vielen Jahren verstorbenen Bruder und zur Einweihung seiner neuen Melkmaschine. Die Einladung landet erst mal im Abfalleimer. Und doch macht sich Eva an besagtem Tag mit einem großen Eisblock im Kofferraum auf den Weg in ihre alte Heimat.

Rückblende in den Sommer 2002, der Evas eh schon verkorkstes Leben für immer verändern sollte. Eva lebt mit ihrer Schwester Tesje und ihrem Bruder Jolan in einem heruntergekommenen Haus in Bovenmeer. Jolan ist ein intelligenter Junge, der sich für allerlei Dinge, besonders Tiere und Natur, interessiert. Tesje ist ein zartes Wesen, das immer und immer mehr Zwangsstörungen entwickelt, was aber von den Eltern ignoriert wird. Die Mutter ist Alkoholikerin, der Vater hasst sein Leben und erklärt Eva auch gerne mal, wie er es sich am liebsten nehmen würde.

Eva verbringt so gut wie jede Sekunde ihrer freien Zeit als Teil der „Drei Musketiere“ mit ihren Freunden Pim und Laurens. Ob Freunde jedoch das richtige Wort ist, sei mal dahingestellt. Pim ist der Mittelpunkt ihrer kleinen Gemeinschaft; Eva und Laurens buhlen um seine Aufmerksamkeit, doch mit Einsetzen der Pubertät wird Eva mehr und mehr ausgeschlossen. Sie kann ja schließlich beim gemeinsamen Wettmasturbieren nicht mitmachen und auch als heranwachsende Frau weckt sie kein Interesse bei den Jungen. Pim und Laurens interessieren sich vielmehr für all die anderen Mädchen in Bovenmeer, die sie nach einem Punktesystem bewerten, und sich schließlich ein Spiel für die Mädchen ausdenken. Dafür brauchen sie Eva dann doch und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Die Geschichte wird auf drei Zeitebenen erzählt und zu jeder Zeit ist das Leben der Protagonistin und eigentlich aller Figuren im Buch nur trist, traurig und abstoßend. Von Seite zu Seite wird die Geschichte eindringlicher und entfaltet einen Sog, dem ich mich trotz des spätestens ab Mitte des Buches einsetzenden Angewidertseins nicht entziehen konnte.

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, was ich von Und es schmilzt halten soll. Einerseits haben mich die drastischen Beschreibungen der teils vulgären, widerlichen Handlung dermaßen schockiert, dass ich das Buch kurz zuklappen musste oder es einfach in die Ecke pfeffern wollte, um wieder klar zu kommen. Andererseits ist das Buch fantastisch geschrieben, die Geschichte ließ mich einfach nicht los und das Ende ist ob seiner Entsetzlichkeit meisterhaft entwickelt und vollkommen einleuchtend. Die Sache mit dem Eisblock… Fürchterlich, aber genial.

Und es schmilzt wurde mit dem Preis des niederländischen Buchhandels für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet. Ich würde das Buch wirklich niemandem empfehlen, schon allein um euch die seelischen Qualen beim Lesen zu ersparen. Und doch bietet dieses Buch ein Leseerlebnis, dass niemanden kalt lässt und unbedingten Redebedarf weckt.

Also: Lesen! Oder auch besser nicht!


[Rezension] Der Koffer

Originaltitel:
A List of Cages
Autor:

Verlag:

Themen:
, ,
Reihe:
-
Seiten: 416
Preis: 19,99 €, Hardcover
ISBN: 9783551560292
Erscheinungsdatum: 24.03.2017
Bewertung:

Im letzten Schuljahr hat der 18-jährige Adam den wohl entspanntesten Nebenjob der Welt: auf dem Papier ist er der Assistent der Schulpsychologin, in der Praxis verbringt er die Stunden damit, rumzusitzen und seinen Freunden Nachrichten zu schicken. Bis er Julian wiedertrifft, der bei der Psychologin in Behandlung ist. Einige Jahre zuvor sind Julians Eltern gestorben und er war ein paar Monate bei Adam und seiner Mutter als Pflegekind untergebracht, bis er von seinem Onkel aufgenommen wurde. Adam freut sich, seinen „kleinen Bruder“ wiederzusehen, doch Julian wirkt verschlossen und ängstlich. Nur ganz langsam schaffen es Adam und seine Freunde, zu Julian durchzudringen und sein großes Geheimnis zu lüften.

Das Buch wird abwechselnd aus der Sicht von Adam und Julian erzählt. Die beiden Jungs könnten gegensätzlicher nicht sein. Julian ist extrem zurückhaltend, stottert beim Sprechen und traut sich kaum, den Blick zu heben, wenn er angesprochen wird. Adam ist immer fröhlich, kann ADHS-bedingt nicht still sitzen und hat viele Freunde. Die anderen Figuren sind meist durch eine bestimmte Eigenschaft gekennzeichnet und bleiben eher zweidimensional: Julians Onkel und Adams Freund Charlie sind wütend, Jess trägt immer Kopfhörer und Emerald komplizierte Frisuren.

Hauptsächlich geht es aber natürlich um Julian und Adam und die beiden sind besser ausgearbeitet. Die Freundschaft der beiden ist mein Highlight des Buches. Es passiert mir selten, dass ich beim Lesen eines Buches weinen muss, aber Robin Roe erschafft so plastische Bilder vor dem inneren Auge, dass ich gar nicht anders konnte.

Die Autorin war in der Jugendberatung tätig und ist Sonderpädagogin an einer High School, von daher gehe ich davon aus, dass sie weiß, wovon sie schreibt. Gerade deshalb finde ich es so schade, dass sie im Nachwort nicht auf die problematischen Entscheidungen Adams eingeht oder es einen entsprechenden Anhang gibt. Es mag ein realistisches Porträt sein, aber sollte man der Zielgruppe nicht zumindest am Ende erklären, warum dieses Verhalten nicht ok ist und sie es im Falle eines Falles auf jeden Fall anders machen sollten?

Spoiler

Positiv aufgefallen sind mir, dass es zwar eine Romanze im Buch gibt, diese aber eine sehr untergeordnete Rolle spielt und die Handlung nicht stört. Außerdem endet das Buch nicht an einer typischen Stelle, sondern beleuchtet auch den Nachgang des emotionalen Höhepunkts. Das Ende selbst war mir allerdings zu klischeebehaftet und amerikanisch. Es gibt da so einen bestimmten Kunstgriff, mit dem Probleme aus der Welt geschafft werden, der mich stört. Insgesamt ist Der Koffer aber ein gelungenes Debüt, das einen emotional mitreißt und vielschichtige Themen aufgreift.

Weitere Meinungen

Kielfeder mit 5 von 5 Federn
Ina’s Little Bakery mit 5 von 5 Cupcakes


[Rezension] Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans

Originaltitel:
The Gentleman's Guide to Vice and Virtue
Autor:

Verlag:

Themen:
, , ,
Reihe:
-
Seiten: 496
Preis: 19,99 €, Hardcover
ISBN: 9783551560384
Erscheinungsdatum: 24.03.2017
Bewertung:

Der junge Adelige Henry ist das schwarze Schaf der Familie Montague. Für gewöhnlich trifft man ihn nackt oder betrunken an, oft auch beides gleichzeitig. Nachdem das renommierte Eton College ihn aufgrund von unsittlichem Verhalten rausgeworfen hat, gibt sein prügelnder Vater ihm noch eine Chance, seinen Ruf zu retten: ein Jahr lang soll er auf seiner Cavaliersreise durch das europäische Festland Anstand zeigen, Kontakte knüpfen und seinen kulturellen Horizont erweitern, bevor er zum Oberhaupt der Familie ernannt wird. Begleitet wird er dabei neben einem Tutor von seinem besten Freund und heimlichen großen Liebe Percy und seiner jüngeren Schwester Felicity.

Neben seinen Gefühlen für Percy kämpft Henry auf dieser Reise gegen seine Schwester, Wegelagerer, Piraten, sich selbst und um sein Leben. Außerdem muss er feststellen, dass auch Percy und Felicity so einige Geheimnisse haben.

Cavaliersreise spielt im 18. Jahrhundert, ist aber nicht mal halb so verstaubt, wie das Setting vermuten lässt. Die Autorin Mackenzi Lee stattet den Abenteuerroman mit einer bunten Charaktermischung aus. Hauptfigur Henry, der verwöhnte Adelsjunge, der sich gleichermaßen mit Frauen und Männern vergnügt und dem Alkohol sehr zugeneigt ist, entspricht dem Klischee des reichen Nichtsnutzes. Viel spannender dagegen sind seine Reisebegleiter. Percy stammt aus gutem Hause, hat es als gemischtrassiger Engländer aber sehr schwer, von seinen Mitmenschen anerkannt zu werden. Er steht dadurch oft im Schatten von Henry, hat aber trotzdem eine eigene starke Meinung und zeigt das auch. Felicity, Henrys jüngere Schwester, soll eigentlich nur bis zu einem Mädcheninternat mitreisen, entpuppt sich allerdings im Laufe der Geschichte als wertvolles Mitglied des Trios. Sie kämpft für Gleichberechtigung und will Ärztin statt Ehefrau werden.

Die Rufe nach Diversity in Büchern werden immer lauter. Glücklicherweise haben das auch die Verlage erkannt und geben Autoren wie Mackenzi Lee eine Plattform. Ihr Buch beweist, dass sich ein spannender Abenteuerroman und kritische Themen wie Sexualität und Feminismus nicht ausschließen, sondern ergänzen können. Ich hoffe sehr, dass Cavaliersreise auch in Deutschland sein Publikum findet und wir noch weitere Bücher der Autorin zu lesen bekommen. Ich freue mich drauf.