Revis, Beth: Godspeed – Die Reise beginnt

Originaltitel: Across the Universe
Autor:
Verlag:
Themen: , , ,
Reihe: Across the Universe 1 von 3
Seiten: 448
Preis: 19,95 €, Hardcover
ISBN: 9783791516769
Erscheinungsdatum: August 2011
Bewertung:

Die siebzehnjährige Amy und ihre Eltern haben sich im Dienste der Wissenschaft einfrieren lassen. Zusammen mit 97 anderen Personen werden sie 300 Jahre an Bord des Raumschiffs Godspeed “verschlafen”, während dieses auf dem Weg zu einem neuen Planeten ist. Doch an Bord des Schiffes befindet sich ein Verräter, der sich an Amys Kühlbox zu schaffen macht und sie 50 Jahre vor der Landung auftaut. Jetzt muss Amy nicht nur damit klar kommen, bei der Landung älter als ihre Eltern zu sein, sondern sie findet sich zudem auch in einer völlig fremden Welt wieder. Alle Menschen an Bord haben die gleiche braune Haut, braune Augen und dunkle Haare, sodass Amy mit ihrer weißen Hautfarbe und den flammend roten Haaren sofort aus dem Rahmen fällt. Nur wenige Personen scheinen ihr wohlgesonnen zu sein. Einer davon ist Junior, der zukünftige Anführer des Schiffs. Er ist fasziniert von Amys Geschichten über die Erde und möchte so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Gleichzeitig beginnt er die Herrschaftsmethoden des Ältesten infrage zu stellen. Und die Godspeed selbst hat auch so ihre Geheimnisse.

Ich stand diesem Buch eher skeptisch gegenüber, wurde aber eines besseren belehrt. Das Buch ist durchweg mitreißend und durch die geschickten Erzählwechsel zwischen Amy und Junior bleibt es immer spannend. Obwohl es sich mal wieder um den ersten Teil einer Trilogie handelt, ist das Buch vollgestopft mit Informationen und alle relevanten Handlungsstränge werden auch zuende geführt. Für Amy geht es natürlich vorrangig darum, denjenigen ausfindig zu machen, der sie aufgetaut hat. Junior hat währenddessen noch ganz andere Sorgen, denn er erkennt, dass der Älteste ihm eine Menge verschweigt und an Bord nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Amy macht ihn darauf aufmerksam, dass die Geschichte der Erde im Archiv teilweise gefälscht ist. Und das die Paarungszeit der Menschen an Bord in Wirklichkeit ein vollkommen unnatürlicher Zustand ist.

Was Beth Revis sich für die Godspeed alles ausgedacht hat, ist zwar (Gott sei Dank) noch Zukunftsmusik, in Zeiten von Genmanipulation und anderem aber nicht mehr so weit von der Wahrheit entfernt, wie man es sich wünschen würde. Neben den technischen Details hält die Autorin auch einige überraschende Wendungen bereit. Lediglich den Täter habe ich schon nach ein paar Seiten ausmachen können, was leider an den anfänglichen, sehr plumpen Andeutungen liegt, die einige der Charaktere machen. Das ist aber auch das einzige Manko in der Geschichte, was ich zu verzeichnen habe.

Dafür habe ich Kritik an der deutschen Übersetzung anzumerken: in einer Rezension zur englischen Ausgabe wird erwähnt, dass Amy den Ältesten als Hitler bezeichnet und Junior die Beleidigung nicht versteht, weil er glaubt, dass Hitler ein guter Anführer war. Zitat:

“He doesn’t like ‘disturbances,’” I tell Amy. “He doesn’t like anyone to be different at all. Difference, he says, is the first cause of discord.”
“He sounds like a regular Hitler to me,” Amy mutters. I wonder what she means by that. Eldest has always taught me that Hitler was a wise, cultured leader for his people. Maybe that’s what she means: Eldest is a strong leader, like Hitler was. The turn of phrase is unusual, another difference between us, another difference I’m sure Eldest would hate.
Amy hops up from her seat at the window.

Die deutsche Stelle liest sich folgendermaßen:

“Er mag keine Störungen. Er mag nichts, das anders ist. Er sagt, dass Andersartigkeit die erste Ursache für Unfrieden ist.”
“Für wen hält der sich?” murmelt Amy und springt von ihrem Platz am Fenster auf.

Durch die Zensierung des Textes geht leider ein Hinweis darauf verloren, dass die Geschichtsaufzeichnungen auf der Godspeed nachträglich manipuliert wurden. An einer anderen Stelle liest Amy z. B. eine falsche Rede von Abraham Lincoln, nach der alle farbigen Menschen vom Präsidenten zurück nach Afrika geschickt wurden, “wo sie hingehören”. Und natürlich sagt Amy sofort, dass es sich dabei um Rassismus handelt und es in Wahrheit ganz anders war. Mal davon abgesehen, dass jeder vernünftige Mensch verstehen sollte, dass Junior da ein falsches Weltbild präsentiert bekommen hat.

Es ist schade, dass es anscheinend auch 66 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Deutschland ein Problem ist, Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf Vergleiche zu ziehen. Zumal man von der Zielgruppe, den Jugendlichen nämlich, aufgrund des Geschichtsunterrichts in der Schule durchaus erwarten darf, dass sie den Hintergrund dieses Zitats verstehen können. Zusammen mit dem zusätzlichen “Whitewashing”, das bei der deutschen Ausgabe des Covers betrieben wurde und schon beim harmloseren amerikanischen Original für Kritik gesorgt hat, ergibt das leider kein sehr positives Verlagsbild.

Diese ärgerliche Zensur mal außen vor gelassen kann ich das Buch sehr empfehlen. Eine spannende Geschichte, eine Prise Science Fiction und sympathische Charaktere ergeben ein wunderbares Buch :-)

Die Serie

1. Godspeed – Die Reise beginnt
2. A Million Suns (engl)
3. Shades of Earth (engl)


9 Gedanken zu „Revis, Beth: Godspeed – Die Reise beginnt

  1. Siehste mal! Deshalb lese ich keine englischen Bücher / Rezensionen :-) da fällt einem so etwas nicht auf und man kann das Buch unvoreingenommen lesen und genießen ;-) Ich fand’s toll und muss unbedingt bald den 2. Teil haben. Leider erst nächstes Jahr…
    LG
    Marie

  2. Klingt eigentlich doch ganz interessant für mich! :)

    Das mit der Zensur finde ich allerdings auch sehr ärgerlich! In welchem Zeitalter leben wir denn bitte? Aber ok, ich werd mich da jetzt nicht reinsteigern …

  3. @Marie Ich hab es ja auch genossen, das mit der Zensur habe ich erst im Nachhinein gemerkt, als ich crinis Rezension zur englischen Ausgabe nochmal gelesen habe ;-) Ich werde den zweiten Teil auch auf jeden Fall lesen, wird bestimmt toll.

  4. Ich fürchte, langsam muss ich das Buch doch mal lesen. All die positiven Rezensionen machen mich ja doch neugierig. ;)

    Die Zensur aber … das ist doch wirklich unmöglich. Klar gäb’s da wieder ein paar Leutchen, die sich daran raufziehen würden, aber dennoch kann man doch von einem Verlag verlangen, dass er, wenn er ein Buch ins Programm nimmt, nicht noch zusätzlich rumschnippelt? Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch noch unnötig.

  5. Irgendwie “faszinierend”, dass man sowas bei uns zensieren muss, wo man doch mit der Vergangenheit quasi aufwächst o_O (Und ich wage mal zu behaupten, dass man in GB oder USA nicht so ausführlich Nazideutschland und Hitler behandelt wie hier, aber gut). Ein Grund mehr für mich, lieber die günstigere Originalausgabe zu kaufen als die deutsche Ausgabe u_u

    Aber ansonsten, schöne Rezension! Ich schätze, soo langsam könnte ich mir das Buch mal zulegen :D

  6. Das mit der rausgekürzten Szene finde ich wirklich schlimm. Wie du sagst, zusammen mit dem extremen white-washing vom Titel hinterlässt das einen ganz schlechten Eindruck.

    Wegen dem Cover hatte ich den Verlag mal angeschrieben, aber die 08/15 Antwort, die ich auf meine Anfrage bekommen habe, hätten sie sich auch sparen können. Es schien mir, als wäre man beim Verlag an den Meinungen von Lesern nicht wirklich interessiert.

Kommentare sind geschlossen.